Noah ist zwölf und lebt ganz für seine Tauben auf dem Dach seiner Familie. Mutter und Vater haben sich recht und schlecht in ihrem Leben eingerichtet und das eine oder andere Mal bringt ihm das Glück eine neue Taube. Bis Männer in Autos das Kalifat ausrufen und mit einem Mal alles anders sein muss.
Nur zu gut erinnern wir uns an Bilder von Pickups, bärtigen Männern, Gewehre gegen den Himmel gereckt und schwarze Fahnen im Fahrtwind, als vor gut 10 Jahren im Irak und in Syrien die Terrororganisation ISIS den islamischen Staat ausrief. Zu glauben, dass all jene, die damals mordeten und brandschatzten, heute zur Besinnung gekommen wären, ist naiv. Ebenso die Hoffnung, dass sich die Bevölkerung in Staaten wie Afganistan irgendwann ganz bestimmt aus ihrer Knechtschaft selbst befreien werden. Was ist dann an Kraft noch geblieben? Oder man sieht Bilder von Kundgebungen in Deutschland, Städten wie Hamburg, wo junge, bärtige Männer, muskelbepackt und mit unverholener Selbstsicherheit und Radikalität das Kalifat in Deutschland fordern, das Kalifat als Allheilmittel anpreisen. Wenn am Rande solcher Veranstaltungen ein artiges Häufchen eingeschüchteter Frauen unter ihren Niqab applaudiert und man sich angesichts der meist jungen Männer, die lauthals Parolen schreien, fragen muss, was da ungehindert zu gedeihen scheint.
Noch viel schlimmer dabei ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr differenzieren können zwischen Islam und Islamismus. Und wenn aus christlicher Sicht dann noch die Versuchung geschürt wird, den Islam mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen und vergessen wird, was in den letzten zwei Jahrtausenden im Namen der Christen angerichtet wurde, scheint jedes Mass, jede Relation im Gezeter des Hasses unterzugehen.

Noahs Glück ist brüchig. Schon sein älterer Bruder ist irgendwann aus der Familie verschwunden, zusammen mit ihm alle Bilder von ihm, sein Name, alles. Nur manchmal sieht er seine nie mehr frohe Mutter unter Tränen jenem einen, letzten Foto seines Bruders nachtrauern. Seine Schwester ist schwanger. Aber auch ihr Glück ist bedroht. Ihr Mann, der bei der Polizei arbeitete, ist jetzt, wo die Mudschaheddin die Macht mit ihren Gewehren zeigen, eingesperrt und von deren Willkür bedroht.
Es ist Sommer in der Stadt. Noahs Vater ist von den neuen Machthabern gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen Vorschriften anzupassen. Alles, was zu sehr nach Weiblichkeit aussieht, muss verschwinden, verbrannt werden. Jeder abgebildete Frauenkörper muss mit einem Stift geschwärzt werden. Sein Onkel Ali, der unter dem gleichen Dach ein Café führt, muss den Laden dichtmachen. Alles, was ihm bleibt, ist seine Taubenzucht, das, was ihn mit Noah verbindet. Tauben sind für Noah und seinen Onkel all das, was ihnen nach und nach genommen wird, nicht nur die Freiheit, die Fähigkeit zu fliegen, auch ihr soziales Gefüge, der Zusammenhalt, den Willen, sich nach den Schwächsten in der Gruppe zu richten.
Zusammen mit seinen Freunden Shirzad und Mohamed waren sie einst eine Clique, nannten sich die Al-Pacino-Bande. Aber nachdem Shirzad als Jeside zusammen mit seiner Familie verschwindet und Mohamed nach einem „Ferienlager“, an dem der Gebrauch der Waffe gelernt wurde, nicht mehr der gleiche ist wie zuvor, spürt Noah, dass sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Bis auch die Tauben vom Himmel verschwinden sollen.
Abbas Kidher zeigt im kleinen Kosmos eines Zwölfjähigen, dass es kaum ein Entrinnen gibt, wie die Kombination aus Staat, Recht und Religion keine Freiheiten erlaubt, wie ein hassgesteuertes, hirarichisches System von enthemmten Männern alles zunichte macht, was die Rechte des Individuums hochalten will, wie aus Hoffnung Angst wird.
Mag sein, dass der Roman von Abbas Khider aus der Sicht des Zwölfjährigen erzählt manchmal fast zu sehr zur Parabel, die Gegenüberstellung von Gesellschaft und Taubenschlag arg strapaziert wird. Trotzdem erzählt der Roman ein Stück beklemmender Wirklichkeit und Realität.
Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Berliner Literaturpreis geehrt. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin.
Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher»
Beitragsbild © Peter-Andreas Hassiepen
