Pascale Kramer «Die Nachsichtigen», Atlantis

Pascale Kramer ist eine Meisterin darin, das Psychogramm einer Familie in einer Intensität zu Literatur zu machen, die bei der Lektüre körperlich werden kann. In ihrem neuen Roman „Die Nachsichtigen“ schont sie mich mit nichts. Kein Unterhaltungsroman, aber ein sprachstarker Einblick in die Abgründe einer auseinanderbrechenden Familie.

Manchmal gibt es Bücher, die einen Beipackzettel benötigen. Es ist eine Weile her, als ich einem Bekannten einen Roman von Pascale Kramer schenkte mit der Bemerkung, die Autorin sei eine der ganz Grossen, auch wenn man ihr im deutschen Sprachraum nicht die ihr gebürende Ausmerksamkeit schenkt. Ein paar Wochen später gab er mir das Buch, das ich ihm geschenkt hatte, wieder zurück mit der Bemerkung, er hätte es nicht zu Ende lesen können: „Probleme auf Probleme. Ich lese, um mich zu unterhalten.“ In keinem ihrer bisherigen Romane trifft das mehr zu als auf den neusten. Clémence Mutter stirbt ganz langsam an einer unheilbaren Krankheit. Schon während ihrer Pubertät entgleitet die Tochter der kranken Mutter und dem überforderten Vater. Schon allein das könnte Stoff sein für einen Roman. Aber Clémence verliebt sich in schwärmerischer Art ausgerechnet in ihren Onkel Vincent, einen Kunsthändler, der in seinem Auftreten so ganz anders erscheint, als all die Männer sonst. Aber es bleibt nicht beim Verliebtsein. Vincent versteht sich als Frauenheld, und was mit Komplimenten begann, wird zum Verhältnis, einem Verhältnis, das in der Familie nicht unbemerkt bleibt. Ein Verhältnis, dass die Familie zerreisst, schmerzhaft für alle, wenn auch nicht gleichzeitig. Für Vincent ist Clémence eine Eroberung mehr, Clémence fühlt sich ein erstes Mal ganz und gar gesehen und begehrt. Obwohl Vincent mit Anne-Lise verheiratet ist, einer Frau, die nicht nur eine Fehlgeburt zu verkraften hat und die Seitenspünge ihres Mannes nicht an sich herankommen lässt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen» (Les indulgences), aus dem Französischen von Andrea Spingler, 224 Seiten, CHF ca. 25.00, ISBN 978-3-7152-7569-7

Pascale Kramer beschreibt das Familiengefüge über vier Jahrzehnte, in Kapiteln chronologisch, aber in Rückschauen und Reflexionen, die genau das ausmachen, was Familie ist; ein dichtes Geflecht von Fäden, die sich verlieren, und die mit einem Mal wieder auftauchen, die nie verschwunden sind. Pascale Kramer erzählt davon, wie lange ein Schmerz nachwirken kann, auch wenn Verursacher sich dessen nie wirklich bewusst werden, wie filigran ein Familiegeflecht ist, wie dünn dieses Netz aus Fäden werden kann und man ungewollt riesige Löcher reissen kann.

Man liest dieses Buch nicht, weil einem die Geschichte in Bann zieht, im Gegenteil; Weder Clémence in ihrem ungebremsten Gebaren, noch Vincent in seiner Selbstverliebtheit, weder Clémences Mutter im Käfig ihrer Krankheit, noch ihr Vater, der sich den Situationen nicht zu stellen traut, schon gar nicht Clémences Grossmutter Nancy, die nichts an ihren Sohn Vincent kommen lässt und schon gar nicht die Blindheit und das stille Erdulden von Vincents Frau – niemand lädt zur Identifikation ein. Pascale Kramer scheint sich förmlich zu suhlen im Sumpf einer Familie. Was dieses Buch zum Genuss macht, ist die Fähigkeit der Autorin, das stille Grauen zu wunderschönen Sätzen zu formen. Was ihr Spass zu machen scheint, entlädt sich in mir zu einem Wechselbad der Gefühle. Verstehen sich jene wirklich, die sich am nächsten stehen sollten? Warum ist Schmerz so unmittelbar mit Liebe verflochten? Warum spüren Menschen nicht, was sie mit ihrem Tun anrichten?

Als der Roman einsetzt und es zu ersten Annäherungen zwischen Onkel und Nichte kommt, sprach noch kaum jemand in der Öffentlichkeit von Missbrauch in Familien, von Übergriffigkeit und der Nachsichtigkeit der Gesellschaft. Heute kitten wir die Risse, Risse, die zu schwelenden Narben geworden sind. Pascale Kramer offenbart ein Stück Katastrophe, das sich über Jahrhunderte in eine Gesellschaft gefressen hat. Zugeben; harter Tobak. Aber wer sich traut, liest sich mit diesem Roman in ungewohnte Tiefen.

Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Romanautorin. Aufgewachsen in Lausanne, ging sie 1987 nach Paris, wo sie heute lebt. Die Nachsichtigen, 2023 in Frankreich erschienen, ist ihr zehnter Roman und hat ein starkes Presseecho ausgelöst. Bekannt für subtile Familiengeschichten und sprachliche Präzision, konnte Pascale Kramer 2017 den Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk entgegennehmen. Sie engagiert sich u. a. im Verein Nouvelle Page zur Eingliederung von Migrant*innen.

Andreas Spingler übersetzt seit mehreren Jahrzehnten aus dem Französischen; sie hat, neben anderen, Marguerite Duras, Patrick Modiano, Alain Robbe-Grillet, Maylis de Kerangal und Marie-Hélène Lafon ins Deutsche gebracht und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.

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Beitragsbild: Jean-François Robert © Flammarion