„Voll Schub, mein Mechaniker!“, eine Geschichte für 10 bis 12jährige

Ich hatte Lust, mit meinen Schülerinnen und Schülern eine Geschichte zum Thema «Fliegen» zu schreiben. Eine Geschichte für 10 bis 12jährige. Hier meine Geschichte:

Es war Nacht. Ich konnte schon wieder nicht schlafen. Es waren die Geräusche von oben, irgendwo aus den Wohnungen über uns. Manchmal klopfte es, Maschinen sirrten, das Ritsch-ratsch einer Säge.
Am nächsten Morgen erzählte ich meiner Mutter davon. Aber meine Mutter meinte wie schon oft, ich hätte nur geträumt. Und wenn die Sache mit meinem Schlaf nicht besser werde, müsse man vielleicht zum Arzt. Sie habe von all dem Rumoren von oben nichts mitbekommen. Trösten oder beruhigen konnte das nicht.
In der Schule schlief ich fast ein. Paul, mein Banknachbar, zwickt mich während der Deutschstunde. Dort mussten wir einen Aufsatz schreiben und ich schlief dabei fast ein. Irgend so eine dumme Geschichte zum Thema Fliegen. Keine Ahnung, wie Lehrer auf solche Ideen kommen. Wie soll ich schreiben, wenn ich meine Augenlider kaum mehr aufbringe? Neben Paul fasste ich einen Plan. Ich würde in der kommenden Nacht herausfinden, woher die Geräusche kommen, warum und wer mir meinen Schlag raubte.
In der darauffolgenden Nacht war es wieder so weit. Ich schlief ein wie ein Stein und wachte nach Mitternacht wieder auf. Jemand schlug Nägel ein. Ich war mir ganz sicher. Ich stieg aus dem Bett und schlich zum Schlafzimmer meiner Eltern. Vater und Mutter schnarchten im Takt. Das hörte man sogar durch die Tür. Wild entschlossen ging ich ins Treppenhaus. Über uns gibt es noch eine Etage mit zwei Wohnungen und darüber den Dachstock. Links wohnen zwei junge Studentinnen, die ich bloss vom Sehen kenne. Und rechts Herr Winkler, ein alter, pensionierter Mann, der mir manchmal half, mein Fahrrad zu flicken. Ein patenter Alter. Alle im Haus nannten ihn bloss Opa Winkler.
An der Tür zu den Studentinnen war es still. Aber als ich mein Ohr an die Tür von Opa Winkler legte, hörte ich jemanden schimpfen und das Geräusch einer Säge. Ich klopfte. Ich klopfte noch einmal. Wieder nichts. Ich drückte die Klinke und trat in Opa Winklers Wohnung. Etwas, was ich sonst niemals getan hätte. Aber heute Nacht war alles anders.
In Opa Winklers Wohnung herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall stapelten sich Dinge; Papier, Zeitungsbündel, Karton, Holz, Fahrräder, Maschinen, Haushaltgeräte, Mikrowellen, Bügelbretter, ein Trampolin mit einem Loch mittendrin, Stoffballen und allerlei Plastikeimer. Es waren regelrechte Türme. Bloss ein schmaler Pfad führte durch das Gewirr von ab- und hingestellten Dingen. Erst jetzt wurde mir klar; Ich war noch nie in Opa Winklers Wohnung gewesen.
In einem Raum, der wahrscheinlich einmal das Wohnzimmer gewesen war, stand zwischen all dem Gerümpel, dem Schrott und den nutzlosen Dingen eine Leiter, die in eine Luke in der Decke führte. Dort oben musste Opa Winkler sein. Er sprach laut und hantierte etwas.
Ich bahnte mir einen Weg durch all das Gewirr, fasste die Leiter und stieg hinauf. Als ich oben meinen Kopf durch die Luke strecken konnte, sah ich etwas, was mir beinahe den Atem nahm. Es war nicht Opa Winkler in Arbeitsmontur und einer Stirnlampe, die mich blendete. Da oben sah es aus, wie in einer riesigen Werkstatt und mitten drin stand etwas, was tatsächlich wie eine Flugmaschine aussah. Opa Winkler hatte eben noch an einem der Flügel hantiert, hielt etwas wie Stoff in der Hand, hatte einen Stift hinter dem Ohr und zwei schwarze Nägel zwischen den Lippen.
„Opa Winkler?“, sagte ich vorsichtig.
„Was tust du hier mitten in der Nacht? Und wie kommst du hier herauf? War die Tür nicht verschlossen?“
Nach einer Weile sassen wir beide vor seiner Flugmaschine und schwiegen. Ich hatte ihm erzählt, er mir auch. Davon, wie vor Jahren seine Frau gestorben sei, wie schwierig es sei, keine Aufgabe mehr zu haben, den ganzen Tag nur auf den nächsten zu warten und dass er nun endlich den Traum vom Fliegen wahr machen wolle. „Irgendwann mache ich die grosse Dachluke hier oben auf und dann fliege ich weg. Irgendwo hin, nur weit, weit weg.“ Danach schwieg Opa Winkler und machte sich wieder an den Flügel seiner Maschine. „Willst du mir helfen?“
So wurde ich Opa Winklers erster Mechaniker. Zum Glück verlegte er wegen mir die meisten seiner Arbeitseinsätze auf die freien Nachmittage und Abende. Ich schlief wieder besser und wenn ich Mama und Papa sagte, ich ginge wieder zu Opa Winkler basteln, schien alles bestens zu sein. Papa und Mama waren froh, hatte ich in Opa Winkler ein Kindermädchen gefunden.
An einem Sonntag im Mai klopfte mir Opa Winkler auf die Schulter und verkündete: „Gallus, morgen Sonntag ist Jungfernflug. Morgen probieren wir aus, ob es fliegt.“
An Schlaf war in der Nacht zuvor nicht zu denken, obwohl keine Mucks von oben zu hören war. Früh morgens schlich ich mich aus meinem Zimmer in die Küche, strich ein paar Brote, packte einen Apfel ein und eine Flasche mit Wasser. Ich war unsäglich aufgeregt. Oben, bei Opa Winkler, war die Wohnungstür offen. Opa Winkler trug einen ledernen Helm, der uralt aussah und drückte mir einen alten, zerkratzten Mofahelm in die Hände. Das Flugzeug schien zu strahlen in der Morgensonne. Ein Doppeldecker mit kleiner Kabine, einem Motor, der einmal einem Rasenmäher gehört hatte und ein mit bunten Tüchern bespannter Rumpf und Flügel. Das Ding sah herrlich abenteuerlich aus. Nur würde es fliegen? Würde es nicht schon nach der ersten Kurve auf dem Parkplatz vor dem Haus notlanden müssen. Ich hatte schlottrige Knie. Aber Opa Winkler spürte das: „Nur Mut, mein erster Offizier. Die Kiste wird schon fliegen. Ich bin kein Anfänger.“
Opa Winkler schickte mich ins Cockpit. Wir hatten ausgemacht, dass ich vorne sitzen würde, weil Opa Winkler auch von hinten über mich hinaussehen würde. Er ging zu einem roten Schalter an einem der Estrichbalken, zwinkerte mir zu und drückte den Knopf. Es gab einen lauten Ruck und ein Teil des Hausdachs schob sich ganz langsam zur Seite. Opa Winkler rannte zum Motor, gab dem Propeller Schwung und schrie in den Motorenlärm: „Und jetzt gib Gas, mein erster Mechaniker!“ Opa Winkler hatte mit mir in den vergangenen Wochen immer wieder durchgesprochen, was meine Aufgaben wären. Ich war schrecklich aufgeregt.
Opa Winkler riss die Stopper unter den Rädern weg und schwang sich ins Cockpit. Der Motor dröhnte und aus der Luke im Boden schauten die Köpfe von Mutter und Vater. Ihre Gesichter waren schreckverzerrt, ihre Münder weit offen. Der Flieger setzte sich in Bewegung, fuhr auf die Dachöffnung zu. Mir wurde schlecht. Ich vergass zu atmen. Dann plötzlich sackten wir ab. Wir befanden uns im freien Fall. „Voll Schub, mein Mechaniker!“, schrie Opa Winkler hinter mir. Und wie durch ein Wunder hob die Maschine kurz vor dem Boden die Nase und drehte elegant ab Richtung Fussballplatz. Es war ein herrliches Gefühl. Ich jauchzte laut in meinem Helm, was mit Sicherheit niemand hörte. Unter mir sah ich Leute, die stehen blieben und zu uns hinauf schauten. Einige winkten, während sie immer kleiner wurden. Wir flogen! Wir zwei, Opa Winkler und ich. Es war wie ein Rausch! Opa Winkler klopfte von hinten auf meine Schulter. Ich war der glücklichste und stolzeste Mensch auf der ganzen Welt.
Und dann? Das Geschrei in der Stadt war unglaublich. Für die einen waren Opa Winkler und ich Helden. Die Studentinnen aus der Wohnung neben Opa Winkler organisierten sogar eine richtige Party. Andere hingegen schüttelten den Kopf. Opa Winkler bekam eine fette Busse. Aber weil die Studentinnen halfen, all die Dinge aus der Wohnung, die man noch brauchen konnte, auf einem Flohmarkt draussen auf dem Parkplatz zu verkaufen, war selbst die Busse nur noch ein halbes Problem. Das Beste aber war, dass wir, Opa Winkler und ich, auf dem Sportflugplatz vor der Stadt eine Werkstatt und einen Platz in einer Flugzeughalle bekamen. Irgendwann kam nämlich das Fernsehen. Und von da weg wollte jeder uns zu seinen Freunden machen.

Titelfoto: Sandra Kottonau