Philipp Blom «Bei Sturm am Meer», Zsolnay

«Marlene, meine Mutter, deine Grossmutter, ist in der Post verlorengegangen. Nicht, weil sie sich in einem riesigen Bürogebäude verlaufen hätte, nicht, weil sie alt und verwirrt war. Sie wurde nicht alt, und sie war ganz klar bis kurz vor ihrem Ende, als das Morphium ihr waches Bewusstsein trübte. Nein, als ordentliche und versicherte Postsendung ging sie verloren, ging die Urne mit der Asche verloren, die von ihr übrig geblieben war.»

Ben sitzt in einem Hotelzimmer in Amsterdam und schreibt einen Brief an seinen Sohn, der ihn aber erst in 44 Jahren öffnen und lesen soll, dann so alt wie er jetzt und vielleicht fähig, die Geschichte zu verstehen, in der Ben seinem Sohn sein Leben zu erklären versucht. Während Ben auf die Urne seiner Mutter wartet, blickt er zum einen zurück und zum andern katapultieren ihn ein Plakat eines nackten Mannes und die Treffen mit einer alten Frau, die ihm verschlossene Türen zu seiner Familie öffnen, aus der so vermeintlich fixen Umlaufbahn. Schon das, was er von seiner Familie wusste, war genug, um damit zu hadern: Grossmutter Elly, die nach dem Krieg als Deutsche nach Holland kam und dort als Deutsche nie heimisch, dafür geschnitten und belächelt wurde und sich mit Tio Pepe einen lebenslangen flüssigen Hausfreund zulegte, Blom_Bei Sturm am Meer 060416.inddden sie schon morgens in die Arme nahm. Seine Mutter Marlene, die ihren Namen hasste, weil er ein Programm sein sollte, der Beginn einer Karriere wie die der Dietrich. Mutter Marlene, die dann ausbrach und sich in der linken Szene Hamburgs Henk angelte, der dort in langen Nächten mit allerlei Wilden, darunter auch Ulrike Meinhof, sich in neue Sphären diskutierte und daraus irgendwann Nachwuchs wurde, er, Benedict, mittendrin. Bis sein Vater als Journalist während eines Auftrags für ein deutsches Nachrichtenmagazin im kolumbianischen Rebellengebiet verschwand und als entführt und umgekommen erklärt wurde. Seine Mutter entfloh damals der Welt, nahm ihren Sohn Ben mit und gab ihrem einzigen Kind jene Vergangenheit, von der sie meinte, es wäre die einzig richtige.
Aber in den Tagen in Amsterdam, wo er sich auch über die Zukunft mit seiner Frau klar werden will, überstürzen sich die Ereignisse. Während er schreibt, taumelt er durch die Stadt und seine eigene Geschichte. «Ich habe versprochen, ehrlich zu sein in diesem Brief, dir die Dinge zu erzählen, während sie sich noch entwickeln, während sie mir noch spitz im Fleisch stecken, bevor sie zu dem Geröll abgeschliffen werden, das alle Flüsse mit sich herumtragen, rundgewaschene Steine der Erinnerung.» Es ist nach dem letzten Kampf mit der Mutter, die sich bis zum letzten Atemzug nicht der Realität stellen wollte, dem unausweichlichen Tod, einer Mutter, die er mit dem Sterben doppelt verlor, endgültig als Mutter und mit ihr die Hoffnung auf eine Vertraute, auch als Schlüssel zum eigenen Leben, der Kampf mit der eigenen Geschichte.

Philipp Blom erzählt nicht linear. Er erzählt, wie diese wenigen Tage in Amsterdam verlaufen, flirrend, voll mit Träumen in der Nacht und jenen die den Taumel sonst vervielfachen, scheinbar zementierten Gewissheiten, die zerbrechen und eine Vergangenheit zerbröseln wie unendlich viele Hölzwürmer die Einrichtung der Gewissheiten. Ich als Leser werde Zeuge, wie sich ein Leben aus Lügen verliert, wie der Sturm alle Fundamente unterspült und nichts bleibt ausser der Wunsch von jetzt an wahrhaftig zu sein.

Blom_Philipp_H7_2012 «Bei Sturm am Meer» ist Philipp Bloms erster Roman. Bisher veröffentlichte er hauptsächlich geschichtliche Werke wie bei Hanser «Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914 (2009) oder «Die zerrissenen Jahre. 1918 – 1938 (2014). Als Journalist hat Blom in Zeitungen und Zeitschriften in Grossbritanien (The Guardian, The Independent, Financial Times, Times Literary Supplement) und im deutschsprachigen Raum (Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche Zeitung, Der Standard) publiziert. Im österreichischen Kultursender Ö1 moderiert Blom regelmäßig die Diskussionssendung «Von Tag zu Tag».

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Am 25. Oktober und 12. November liest Philipp Blom aus «Bei Sturm am Meer» in Wien!

(Titelbild: Sandra Kottonau)

Hans Platzgumer «Am Rand», Zsolnay

«Ich sehe, wie ich Zufälligkeiten ausgeliefert bin und höchstens reagieren, nur in kleinem Rahmen agieren kann. Ich kann versuchen, Einfluss zu nehmen, weiter und weiter, weil es des Menschen Pflicht ist, nicht aufzugeben, aber immer wieder erreiche ich den Punkt, an dem die Selbstbestimmug endet.»

Ich war noch klein, als meine eigene Grossmutter wächsern und mit einem Rosenkranz in den verschränkten Fingern ein letztes Mal in ihrem Zimmer besucht werden sollte. Es war für viele Jahre die einzige Tote. Dem Sterben selbst bin ich auch nach einem halben Jahrhundert Leben bloss in Geschichten begegnet. Ganz anders Gerold, der unglückliche Held in Hans Platzgumers neuem Roman «Am Rand», der schon als Junge seinen seit Monaten toten Nachbarn mit Kopfhörern auf vor dem noch laufenden Fernseher sieht. Dann stirbt sein Freund einen infernalen Tod im elektrischen Strom. Der Tod heftet sich an die Fersen Gerolds. Als erstes befreit er seine still gewordene Mutter vor ihrem Vater, seinem Grossvater, der sich wie ein Schmarotzer in Gerolds ehemaliges Kinderzimer einnistet, nachdem er sich schon längst in die Seele seiner Tochter gefressen hat. «Ich erkannte, wie der Vater im Himmel und ihr leiblicher, der wieder aufgetaucht war, sie fest im Griff hatten.» Und als letztes sich selbst. Gerold entflieht dem Tod mit dem letzten Satz, zuoberst auf dem Bocksberg.

Hans Platzgumer erzählt von einem, der sich zeit seines Lebens nicht aus den Klauen von Sterben und Tod winden kann. Ein Buch drüber, wo Verantwortung und Schuld, Zufall und Schicksal einen Menschen fesseln und knebeln. Handelt man richtig oder falsch, wenn man agiert? Hans Platzgumer schreibt klar, unmittelbar und jene Distanz erahnend, nie ganz «in der Mitte des Lebens» angekommen zu sein.

Hans Platzgumer (1969 ) ist österreichischer Schriftsteller, Komponist, Musiker und Produzent.

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