literaturblatt.ch fragt, Teil 3, Klaus Modick antwortet.

Von Klaus Modick, zuhause im norddeutschen Oldenburg, las ich erstmals 1986 einen Roman. Damals machte er in seinem dritten Roman «Das Grau der Karolinen» ein Bild und die detektivische Suche nach dessen Maler zum Thema eines Buches über das Sehen und die Farben. Seither ist aus den Büchern Klaus Modicks die Zierde eines grossen Stücks Bücherregal geworden und aus dem Autor ein «Schriftsteller meines Herzens».

Es gibt Schreibende, die Geschichten erzählen wollen, mit Spannung fesseln. Andere, die politische und gesellschaftskritische Inhalte und Meinungen in literarisches Schreiben verpacken. Was wollen Sie mit Ihrem Schreiben? Ganz ehrlich!
Es geht mir um gut erzählte Geschichten, und mit „gut erzählt“ meine ich eine unprätentiöse Schreibweise, die auf stilistische Effekthascherei verzichtet und zugleich Abstand zum Trivialen hält. Und dafür möchte ich, bitte sehr, geliebt werden!

Wo und wann liegen in ihrem Schreibprozess der schönste oder/und der schwierigste Moment? Gibt es gar Momente vor denen sie sich fürchten?
Der schönste Moment ist der Schlusspunkt eines Romans, der schwierigste das erste Wort. Furcht kenne ich nicht, aber Blockaden.

Lassen Sie sich während des Schreibens beeinflussen, verleiten, verführen? Spielen andere Autorinnen und Autoren, Bücher (nicht jene, die es zur Recherche braucht), Musik, besondere Aktivitäten eine entscheidende Rolle?
Viele Bücher, die ich im Lauf der Jahre gelesen, viel Musik, die ich gehört habe, murmeln lautlos mit.

Hat Literatur im Gegensatz zu allen anderen Künsten eine spezielle Verantwortung? Oder werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller gegenüber andern Künsten anders gemessen? Warum sind es vielfach die Schreibenden, von denen man in Krisen eine Stimme fordert?
Die Schreibenden verfügen über die so genannte Macht des Wortes, aber sie sind deshalb nicht klüger oder dümmer als andere Künstler. Als Literat hat man allerdings Verantwortung – nämlich die, gut zu schreiben.

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Inwiefern schärft Ihr Schreiben Sichtweisen, Bewusstsein und Einstellung?
Ob mein Schreiben etwas bei meinen Lesern schärft, weiß ich nicht. Bei mir schärft es die Selbstkritik.

Es gibt die viel zitierte Einsamkeit des Schreibens, jenen Ort, wo man ganz alleine ist mit sich und dem entstehenden Text. Muss man diese Einsamkeit als Schreibender mögen oder tun Sie aktiv etwas dafür/dagegen?
Ich brauche Ruhe zum Arbeiten, aber bei der Arbeit bin ich nicht einsam – siehe Antwort Nr. 3! Einsam fühle ich mich manchmal in Gesellschaft.

Erzählen Sie kurz von einem literarischen Geheimtipp, den es zu entdecken lohnt und den sie vor noch nicht allzu langer Zeit gelesen haben?
Hermann Kinder: Porträt eines jungen Mannes aus alter Zeit. Wunderbares Buch eines notorisch unterschätzten Autors.

Zählen Sie 3 Bücher auf, die Sie prägten, die Sie vielleicht mehr als einmal gelesen haben und in Ihren Regalen einen besonderen Platz haben?
Das Große Wilhelm Busch Album
Theodor W. Adorno: Minima Moralia
Leonard Cohen: The Lyrics

Frisch hätte wohl auch als Architekt sein Auskommen gefunden und Dürrenmatt kippte eine ganze Weile zwischen Malerei und dem Schreiben. Wären Sie nicht Schriftstellerin oder Schriftsteller, hätten sich die Bücher trotz vieler Versuche nicht verlegen lassen, hätte es eine Alternative gegeben? Gab es diesen Moment, der darüber entschied, ob Sie weiter schreiben wollen?
Ich hätte Germanistikprofessor oder Studienrat werden können, Deutsch und Geschichte. Ich hätte auch der Werbetexter bleiben können, der ich war, als es mit der Schriftstellerei ernst wurde.

Was tun Sie mit gekauften oder geschenkten Büchern, die Ihnen nicht gefallen?
Alle zwei oder drei Monate trage ich einen gut gefüllten Karton zum Antiquar.

Klaus Modick, vielen Dank!

autor_1590[1]Klaus Modick, geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger und arbeitete danach u.a. als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach zahlreichen Auslandsaufenthalten und Dozenturen wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sein Roman «Konzert ohne Dichter» erschien im Frühjahr 2015 und wurde schnell zum Bestseller.

9783462047417[1]In «Konzert ohne Dichter» erzählt Klaus Modick die Entstehungsgeschichte des berühmtesten Worpsweder Gemäldes, von einer schwierigen Künstlerfreundschaft – und von der Liebe. Heinrich Vogeler ist auf der Höhe seines Erfolgs. Im Juni 1905 wird ihm die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen – für sein Gesamtwerk, besonders aber für das nach fünfjähriger Arbeit fertiggestellte Bild «Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff». Während es in der Öffentlichkeit als Meisterwerk gefeiert wird, ist es für Vogeler das Resultat eines dreifachen Scheiterns: In seiner Ehe kriselt es, sein künstlerisches Selbstbewusstsein wankt, und eine fragile Freundschaft zerbricht. Rainer Maria Rilke, der literarische Stern am Himmel der Worpsweder Künstlerkolonie, und sein Seelenverwandter Vogeler haben sich entfremdet – und das Bild bringt das zum Ausdruck: Rilkes Platz zwischen den Frauen, die er liebt, bleibt demonstrativ leer. Was die beiden zueinanderführte und später trennte, welchen Anteil die Frauen daran hatten, die Kunst, das Geld und die Politik, davon erzählt Klaus Modick auf kunstvolle Weise. Ein großartiger Künstlerroman, einfühlsam, kenntnisreich, atmosphärisch und klug.

Das war der 3. Teil einer kleinen Reihe. Am 15. August antwortet Beat Brechbühl. Seien Sie wieder dabei!

literaturblatt.ch fragt, Teil 2, Christine Fischer antwortet.

Es gibt Schreibende, die Geschichten erzählen wollen, mit Spannung fesseln. Andere, die politische und gesellschaftskritische Inhalte und Meinungen in literarisches Schreiben verpacken. Was willst du mit deinem Schreiben? Ganz ehrlich!
Literarisches Schreiben ist mein unermüdlicher Versuch, meine Sichtweise der Welt (öffentlich) darzustellen. Um dem vertrackten Leben, dem Lebenssinn nachzuspüren. Meinem aktuellen «Stand der Erkenntnis» näher zu kommen, ihn zu umkreisen, im glücklichsten Fall ein paar Sätze lang zu erfassen – um ihn sogleich wieder zu verlieren ans Ungefähre.

Wo und wann liegen in deinem Schreibprozess der schönste oder/und der schwierigste Moment? Gibt es gar Momente vor denen du dich fürchtest?
Der schönste Moment ist, wenn unvermittelt ein Satz auf dem Papier, auf der Bildfläche steht, der aus einem Inneren aufgestiegen ist, als wäre es ein Äusseres und als wäre er von jemand anderem formuliert worden, etwas ausdrückend, das einem neu ist und gleichzeitig vom Ureigentlichen spricht.
Der schwierigste Moment ist, wenn die vermeintlich tolle Anlage des Textes sich als untauglich erweist.

Lässt du dich während des Schreibens beeinflussen, verleiten, verführen? Spielen andere Autorinnen und Autoren, Bücher (nicht jene, die es zur Recherche braucht), Musik, besondere Aktivitäten eine entscheidende Rolle?
Während des Schreibprozesses spielt alles eine Rolle. Es ist eine Zeit der intensivierten Wahrnehmung, in der Gehörtes, Beobachtetes, Geträumtes, Gedachtes, Gelesenes blitzartig Bedeutung bekommen kann und möglicherweise Eingang in den Text findet. Das ist schön, aber im Fall von intensiven Leseerlebnissen auch gefährlich, da es den Ton des eigenen Schreibens zu stark beeinflussen kann.

Hat Literatur im Gegensatz zu allen anderen Künsten eine spezielle Verantwortung? Oder werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller gegenüber andern Künsten anders gemessen? Warum sind es vielfach die Schreibenden, von denen man in Krisen eine Stimme fordert?
Texte sind naturgemäss erst einmal «Verstandesdinge». Sie werden – da Sprachmaterial – mit dem Verstand aufgenommen und aufgeschlüsselt, auf ihre Form, auf ihren Inhalt überprüft, mit eigenem Wissen, eigenen Erfahrungsschätzen abgeglichen. Deshalb werden von Schreibenden immer wieder ganz direkte politische, gesellschaftliche, kulturelle, philosophische Stellungnahmen gefordert. Die Schreibenden, welche ihre Stimme in diesem Sinne einsetzen, tragen meines Erachtens eine erhöhte Verantwortung, weil ihr Medium 1:1 verstanden werden kann, also ganz unmittelbar produziert und rezipiert werden kann. Sprache kann gewaltig wirken, mächtig sein, im Guten wie im Schlechten. Wichtig ist meines Erachtens die Debatte, die mehrdimensionale Sichtweise. Manchmal auch die Provokation.

Inwiefern schärft dein Schreiben Sichtweisen, Bewusstsein und Einstellung?
Ich glaube, mehr als das Schreiben schärft das Lesen, schärfen überhaupt kulturelle Aktivitäten verschiedenster Art, die eigene Sichtweise. Das Schreiben ist für mich eher der Ausdruck eines vorangegangenen Bewusstseinsprozesses, der unter Umständen bereits jahrelang, lebenslang gelaufen ist.

Es gibt die viel zitierte Einsamkeit des Schreibens, jenen Ort, wo man ganz alleine ist mit sich und dem entstehenden Text. Muss man diese Einsamkeit als Schreibende mögen oder tun Sie aktiv etwas dafür/dagegen?
Schreiben als Akt ist eine (köstlich) einsame Sache – der Ort muss es nicht sein. Das I-Pad ist für mich das geeignetste Instrument, um einen geschützten Schreibort herzustellen, wo immer es auch sei. Ähnliches gilt für das winzige Notizbüchlein.

Gibt es für dich Grenzen des Schreibens? Grenzen in Inhalten, Sprache, Textformen, ohne damit von Selbstzensur sprechen zu wollen?
Mein Schreiben ist ganz natürlich begrenzt durch meine Kompetenz als Schreibende. Ich kann mit Gewinn nur das leisten, was mir durch meine Begabung zu leisten möglich ist. Natürlich teste ich immer wieder Grenzen aus, um auf neues zu stossen. Oft weiss man erst, wenn man etwas geschrieben – und möglicherweise dem Öffentlichkeitstest unterzogen hat – ob ein Text, ein Genre für einen taugt oder nicht, ob man die eigenen Grenzen glücklich oder beschämend ausgereizt hat. Anstelle von Selbstzensur würde ich die Wichtigkeit von Selbstkritik setzen. Ausprobieren ja, unbedingt – und dann mit kritischem Geist beurteilen oder beurteilen lassen. Das Einhalten ethischer Grenzen ist für mich unabdingbar.

Erzähl kurz von einem literarischen Geheimtipp, den es zu entdecken lohnt und den du vor noch nicht allzu langer Zeit gelesen haben?
Mit grossem Gewinn habe ich gelesen «H ist für Habicht» der englischen Autorin Helen MacDonald. Es handelt sich um eine faszinierende Mischung zwischen Belletristik und Sachbuch, ebenso sachlich wie poetisch, wild wie gezähmt, kulturgeschichtlich und zutiefst subjektiv, intelligent und intuitiv. Es erzählt vom Trauerprozess einer Tochter um ihren Vater, wie er wohl noch nie gelebt und beschrieben worden ist.

Zählst du 3 Bücher auf, die dich prägten, die du vielleicht mehr als einmal gelesen hast und in deinen Regalen einen besonderen Platz haben?
Als Kind: «Rösslein Hü». Ich weiss nicht, wie viele Male ich es gelesen habe. In der Kantonsschule: «Warten auf Godot» von Samuel Beckett. In den 90er Jahren: «Kapitän Nemos Bibliothek» von Per Olov Enquist. Um nur drei von unzähligen Rosinen rauszupicken.

Frisch hätte wohl auch als Architekt sein Auskommen gefunden und Dürrenmatt kippte eine ganze Weile zwischen Malerei und dem Schreiben. Wärst du nicht Schriftstellerin oder Schriftsteller, hätten sich deine Bücher trotz vieler Versuche nicht verlegen lassen, hätte es eine Alternative gegeben? Gab es diesen Moment, der darüber entschied, ob du weiter schreiben willst?
Ich war 40, als mein erstes Buch publiziert wurde. Ich hatte also die Alternative vorher gewählt: Logopädie. Nicht nur als Broterwerb, sondern als tolle Herausforderung, mit Sprache auf eine andere Art Umgang zu pflegen. Seit ich schreiben gelernt hatte, habe ich nie mehr damit aufgehört. Als dann aber 1981 in der Literaturzeitschrift «NOISMA» mein erstes Gedicht in gedruckter Form erschien, gab mir dies einen ungeheuren Auftrieb.

Was tust Sie mit gekauften oder geschenkten Büchern, die dir nicht gefallen?Teilweise schenke ich sie weiter, teilweise wandern sie in die Frauenbibliothek «Wyborada», ins Antiquariat oder ins Brockenhaus. Zerlesene Bücher wandern ins Altpapier.

Liebe Christine, vielen Dank!

Fischer_Christine_RGBChristine Fischer, 1952 in Triengen LU geboren, studierte Logopädie am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg. Sie wohnt in St. Gallen und ist als Sprachtherapeutin tätig. Veröffentlichung der Bücher «Eisland» (1992), «Lange Zeit» (1994), «Augenstille» (1999), «Solo für vier Stimmen» (2003), «Von Wind und Wellen, Haut und Haar» (2004), «Vögel, die mit Wolken reisen» (2005) und «Nachruf auf eine Insel» (2009). Ausgezeichnet mit verschiedenen Förder- und Werkpreisen. Webseite der Autorin

A858827197_image001[1]In ihrem neusten Roman «Lebzeiten» stehen Lore und Karl kurz vor der Pensionierung. Da diagnostiziert der Arzt eine Erkrankung, die Lore «Kopfgeschehen» nennt. Allmählich wird sie ihr Gedächtnis und die Sprache verlieren. Lore beginnt zu schreiben. Kein Tagebuch, sondern einen Brief an das Leben. Sie erzählt vom veränderten Zusammenleben mit Karl, von ihrer Arbeit als Kindergärtnerin, die nun gefährdet ist. Sie beschwört eine rätselhafte Libbe herauf und die Jahre mit ihrer besten Freundin Eileen, die Lore und Karl ihren kleinen Sohn anvertraut hat: Oliver. Doch Oliver ist inzwischen erwachsen und stellt seine Adoptiveltern auf eine harte Probe. Die Krankheit schreitet fort, verändert Lores Sprache. Doch Lore gibt nicht auf. Auch als ihr die Wörter mehr und mehr entgleiten, hält sie die Zwiesprache mit dem Leben aufrecht und öffnet sich neuen Erfahrungen.

Das war der 2. Teil einer kleinen Reihe. Am 1. August antwortet Klaus Modick. Seien Sie wieder dabei!

literaturblatt.ch fragt, Teil 1, Jens Steiner antwortet.

Jens Steiner, 2013 Träger des Schweizer Buchpreises, «Hausautor» beim überaus verdienten Dörlemann Verlag und schon einmal Gast an einer Hauslesung bei uns in Amriswil, antwortete mir auf ein paar Fragen, die ich ihm mit dem zugeschickten 31. Literaturblatt stellte.  Fragen, die ich einer ganzen Reihe von Schriftstellerinnen und Schriftstellern stellte. Hier Teil 1 mit Jens Steiner:

Es gibt Schreibende, die Geschichten erzählen wollen, mit Spannung fesseln. Was wollen Sie mit Ihrem Schreiben?

Ich will fesselnde Geschichten erzählen, wobei sie das auf verschiedene Weise sein können: durch spannende Handlung, ihre Sprache oder überraschende Perspektiven. Ob meine Bücher politisch und gesellschaftskritisch sind, soll jede Leserin und jeder Leser für sich entscheiden. Tatsache scheint mir, dass Gegenwartszusammenhänge (dazu gehören selbstverständlich auch solche, die man den Bereichen Politik und Gesellschaft zuordnet) in alle meine Texte hineinreichen, ob ich es nun will oder nicht. Über das Warum gibt vielleicht meine nächste Antwort Auskunft.

Lassen Sie sich während des Schreibens beeinflussen, verleiten, verführen?

Aber natürlich, wie sollte es anders gehen? Ich hätte bis heute wohl keinen einzigen literarischen Text geschrieben, wenn ich mich nicht ständig von allem, was um mich herum ist, mich lockt, piekst und kratzt, verleiten liesse, seien das nun andere Autorinnen und Autoren, Musik, die Amsel vor meinem Fenster, Zeitungslektüre oder Begegnungen mit freundlichen und weniger freundlichen Zeitgenossen. Als Autor bin ich der Fleischwolf, der das alles zu exquisiten Literaturwürsten verarbeitet (für Vegetarier: der Mixer, der alles zu einem leckeren Wort-Hummus verquirlt).

Hat Literatur im Gegensatz zu allen anderen Künsten eine spezielle Verantwortung?

Die Forderung hat unter anderem deshalb ihre Berechtigung, weil Literaturschaffende sich oft zwischen Kunst und Nicht-Kunst bewegen. Die Essayistik beispielsweise verwendet Elemente des Literarischen, verfährt aber auch rational-argumentativ. Im Gegensatz zu anderen Künsten macht das die Literatur anschlussfähiger für den Diskurs der Medienschaffenden (meist sind sie es, die die Stimme der Schriftsteller fordern). Ärgerlich in diesem Zusammenhang finde ich, dass viele Medienschaffende gegenwärtig genau eine Kategorie von Schriftstellern in diesem Sinn für anschlussfähig halten, nämlich die Kategorie »Max-Frisch-Nachfolger« (die im Moment genau einen Vertreter hat, nämlich Lukas Bärfuss). Nichts gegen Bärfuss, aber es gibt viele – und auch viele junge! – Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die politische und gesellschaftskritische Voten abgeben, ohne auf die immergleichen Max-Frisch-Maschen zurückgreifen zu müssen. Macht mal die Augen auf, Medienschaffende!

Gibt es die viel zitierte Einsamkeit des Schreibens …?

Schreiben kann ein sozialer Prozess sein. Es gibt Autorenkollektive, Schreibseminare und Poetry Slams, wo Texte im besten Fall aus dem Stegreif und im direkten Austausch mit dem Publikum entstehen. Viel öfter aber wird das Schreiben bei uns als einsamer Prozess kultiviert, und ich nehme mich von dieser Tradition nicht aus. Wobei, ist dieser Prozess wirklich so einsam? Wenn ich schreibe, bin ich in ständigem Kontakt mit den Dingen, mit dem, was mich pausenlos lockt, piekst und kratzt (s.o.) und auf diese Weise mit mir spricht. Menschliches Gelaber hat die unerfreuliche Neigung, all diese Stimmen zu unterdrücken, weshalb ich beim Schreiben gerne allein bin. Aber eben nicht einsam.

Zählen Sie drei Bücher auf, die Sie prägten …?

„Chronik eines angekündigten Todes“ von Gabriel García Márquez (handwerkliche Perfektion, die nicht genug bewundert werden kann). „Catch-22“ von Joseph Heller (auch perfekt, weil fesselnd, politisch und gesellschaftskritisch in einem). „Ich habe den englischen König bedient“ von Bohumil Hrabal (poetisch, absurd, herrlich!).

Jens Steiner, vielen Dank!

image[1]Jens Steiner, geboren 1975, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich und Genf. Sein erster Roman «Hasenleben» (2011) stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2011 und erhielt den Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung. Jens Steiner wurde 2012 mit dem Preis »Das zweite Buch« der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung ausgezeichnet. 2013 gewann er mit «Carambole» den Schweizer Buchpreis und stand erneut auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Letzter Roman war wie immer bei Dörlemann «Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit».

imgres«Carambole» ein Dorf im Sommer – irgendwo. Jens Steiner, der schon mit seinem ersten Roman «Hasenleben» zeigte, wie nah er sich an Personen heranschreiben kann, wurde 2013 zurecht als Seismologe eines ganzen Dorfes auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gesetzt. Er beschreibt kleine Katastrophen ebenso gekonnt, wie er mit der Lupe über den Seelen der Menschen brennt. Die Sommeridylle trügt, das Dorf kocht! Jugendliche, die kurz vor den Sommerferien das drohende Sommerloch mit Plänen füllen, aus denen «sowieso nichts wird». Familien, die zerbrechen, Generationen, die einander nicht mehr verstehen. So wie ein paar Männer im Dorf die Zeit mit dem Brettspiel Carambole totschlagen, entwirft Jens Steiner das Gesicht des Dorfes mit einem Spiel in 12 Runden. Ein meisterliches Gefüge!

imgres-1«Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit» Alles beginnt harmlos mit einem Jungenstreich: Die Studenten Paul und Magnus planen einen Anschlag auf den Medienzar Kudelka während dessen Auftritt an der Universität. Erstaunt, wie gut das gelingt, sind sie gleichzeitig enttäuscht, dass ihre Tat quasi ohne Folgen bleibt. Doch dann geschieht Unerwartetes: Ein Museum voller sprechender Objekte, ein Teelöffel Salz und eine Pizza lassen Pauls Leben komplett aus den Fugen geraten. Er findet sich als Gefangener in einer fremden Wohnung und erfährt, dass Kudelka entführt wurde – und dass er als Hauptverdächtiger gesucht wird. Nun beginnt eine raffinierte und spannende Verfolgungsgeschichte nach Südfrankreich – mit überraschendem Ende.

Weitere Informationen zu Jens Steiner unter seiner Webseite.

Das war der 1. Teil einer kleinen Reihe. Am 15. Juli antwortet Christine Fischer. Seien Sie wieder dabei!