Zum 39. Mal treffen sich Schreibende und Lesende an der Aare zu den Solothurner Literaturtagen. «Die Nabelschau» der aktuellen CH-Literatur. Wer nicht eingeladen ist, tut sich schwer. Und wer eingeladen ist, hofft, dass nun endlich geschieht, worauf man so lange schon wartet.
Die aktuellen Grossen sind da; Urs Faes mit seinem Fahrtenbuch einer Krankheit «Halt auf Verlangen», Lukas Bärfuss mit seinem Roman «Hagard», Jonas Lüscher mit dem Roman eines Verlierers «Kraft», die Westschweizerin Pascal Kramer, die man mit ihrem Preis feiert, Tim Krohn mit dem ersten Band seines Riesenprojekts «Menschliche Regungen» und andere mehr.
Die Perlen, deren Glanz man noch entdecken muss, sind andere. Vielleicht nicht einmal jene, die man nach Solothurn eingeladen hatte. Letztlich bleibt es eine Auswahl, die dort an der Aare liest, diskutiert und debattiert. Ich sprach schon mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich verschmäht fühlen, missachtet, zu weit weg, die sich mockieren, auch gerne Erklärungen liefern, warum einmal mehr diese und jene Gegend untervertreten ist.
Doch es gibt nur eine Person, die wieder an den Literaturtagen fehlt – fast jedes Mal – der man mit Sicherheit zu wenig Beachtung schenkt, die es verdient hätte, dass man ihr hofieren würde. An zwei Ausgaben der Solothurner Literaturtage lud man sie ein. Dann war das Unternehmen wohl zu teuer, zu gefährlich, zu unkontrollierbar. Die Leserin und den Leser. Klar doch, die Besucher strömen zu Tausenden. An einem Sommersonnenwochenende wie diesem sowieso. Aber sie zahlen und bleiben draussen. Ein bisschen wie im Zoo. Als Besucher begegnet man den Schreibenden, staunt, wie klein, rund, alt und schüchtern sie sein können. Aber alle bleiben auf ihrer Seite. Die Lesenden da, die Schreibenden dort.
Zweimal fand die Festivalorganisation den Mut, Lesende und Schreibende auf der Bühne zusammenzubringen. Da sassen dann Lesezirkel und Leserunde mit Aurorin oder Autor hinter Mikrofonen und es knisterte. Ich erinnere mich gut an die Runde um die italienische Schriftstellerin Michela Murgia, die noch lange in der Gasse zusammen an einem Tisch sass und fortsetzte, was im Palais Besenval vor Publikum seinen Anfang nahm. Es war ein Happening, eine echte Begegnung mit purer Freude und Begeisterung.
Was ist die Literatur ohne jene, die die Bücher lesen? Ohne jene, die andern von ihrer Lektüre vorschwärmen und die Begeisterung so weitertragen? Ohne jene, die Literatur zu einem wichtigen Teil ihres Lebens machen, einen unverzichtbaren Teil, der aber meist in aller Stille zelebriert wird, nie auf der Bühne, nie auf Anerkennung wartend? Ohne jene, die zuhause ihre Bibliothek wie einen heiligen Ort betreten, denen Bücher zu freundschaftlichen Begleitern werden? Wenn Literatur nicht bloss ein Geschäft, Kommerz sein soll, wenn man Literatur als Begegnung verstehen will, als Stimme, Sound, Heimat und Zuhause, dann hätte wohl kaum eine Kunstrichtung wie sie so sehr die Chance und Möglichkeit «Produzent» und «Konsument» zusammenzubringen. Und Literaturtage wären so ein Ort, an dem es mehr als bloss Applaus und die nette Geste des Signierens gäbe.
Ich freue mich trotzdem und danke der Festivalorganisation für all die dargebotenen Leckerbissen!