Bei einem Gewaltdelikt auf einem Zürcher Bahnhof stirbt ein Mann. Ein zweiter wird verwundet, auf die Intensivstation gebracht und kann sich nicht an das Verbrechen an seinem Freund erinnern. Franziska Meisters Debüt hat die Zutaten eines Krimis, ist aber viel mehr ein Psychogramm einer Handvoll Menschen, die sich verloren haben.
Paul und Joshua waren Freunde, zu gewissen Zeiten fast symbiothisch. Joshua ist der Tote, Paul der Verwundete, der sich an rein gar nichts erinnern kann. Das, was auf dem Bahnhof zum Tod seines Freundes führte, bleibt eine Black Box. Ungemütlich wird die Sache auch darum, weil sich die Polizei in ihren Ermittlungen immer mehr darauf konzentriert, dass Paul nicht nur das zweite Opfer war, sondern Indizien darauf hinweisen, dass Paul durchaus auch Gründe gehabt haben könnte, als möglicher Täter gesehen zu werden.
Dominik, ein alter Studienfreund von Paul, der ans Krankenbett gerufen wird, kann sich nicht vorstellen, dass Paul Täter sein soll. Nic ist Psychologe und LSD-Forscher, will endlich klinisch überzeugen, dass der Einsatz dieser synthetischen Droge jenen Patienten helfen kann, die sich mit konventionellen Methoden nicht aus den Schlingen ihrer Psyche befreien können. Letztlich ist er auch davon überzeugt, dass er damit seinem alten Freund, zu dem der Zugang in den letzten Jahren schwieriger geworden war, helfen könnte, seine Erinnerungen an die Tatnacht aufzufrischen.
Auch Florence will Klärung. Florence ist die Schwester des Ermordeten. Sie und ihren Bruder verband viel, nicht zuletzt eine trübe Familiengeschichte. So sehr sie anfänglich auf den Freund ihres Bruders, auf Paul mit Misstrauen reagiert, umso mehr wird dieser für sie zu einem Schlüssel, nicht zuletzt, weil sie das Verbrechen an ihrem Bruder nicht einordnen kann, weil ihr Selbstverständnis mit dem Tod ihres Bruders ins Wanken gerät, weil mit einem Mal kein Stein mehr auf dem anderen sein soll. Trotz Widerständen und Alarmglocken wächst zwischen ihr und Paul eine Verbindung.
Doch während die Polizei sich immer mehr in ihren Ermittlungen verliert, verschwindet Paul. Ein Zeichen seiner Schuld oder ein weiterer Schritt in die schwarzen Löcher seiner unmittelbaren Vergangenheit, die nur das Resultat jener Geschehnisse ist, die Paul schon ein Leben lang mit sich herumschleppt.

„Der Geruch von Lehm“ ist ein schillerndes Geflecht an Geschichten, Innenwelten und Andeutungen. Ein Roman, der in seinem Aufbau zwar chronologisch erzählt, die Geschehnisse und Interpretationen immer aus der Sicht der jeweiligen ErzählerInnen. Was von der einen Seite logisch erscheint, wird durch die Spiegelung einer anderen Seite verzerrt und trübe. Franziska Meister geht es nicht um die Aufklärung eines möglichen Verbrechens, schon gar nicht darum, Ordnung in die Leben ihrer ProtagonistInnen zu bringen. Sie spiegelt mit ihrer Art des Erzählens einen Teil der Wirklichkeit; dass es letztlich keine Ordnung gibt, dass die Wirklichkeit permanent der Interpretation unterworfen ist. Selbst die Dunkelstellen in den Familiengeschichten der ProtagonistInnen bleiben wage. Ich lese von den Auswirkungen, von den Verwundungen, vom Gezeichnetsein.
Nicht zuletzt ist „Der Geruch von Lehm“ eine Auseinandersetzung mit der psychoaktiven Substanz LSD, eines Halluzinogens, dass im Verlaufe seiner Geschichte für eine breite Öffentlichkeit bloss eine chemische Droge geblieben ist, die aber ganz offensichlich in therapeutischem Setting Durchbrüche bei PatentInnen provozieren kann, die man sonst als therapieresistent klassifiziert.
Auch wenn der Aufbau des Romans labyrinthisch wirkt und damit ein Spiegel der Innenwelten ihrer ProtagonistInnen, überzeugt „Der Geruch von Lehm“ in seiner Sprache. Franziska Meister erzählt gekonnt, mit frappierender Souveränität und eigenständig. Ich mag jene Portion Verunsicherung, die solche Romane erzeugen, weil Literatur mehr sein muss als eine gefällige Geschichte!
Franziska Meister, geboren promovierte Historikerin und Wissenschafts- und Kulturredaktorin bei der «Wochenzeitung» in Zürich. Sie hat eine Monografie zur Black Panther Party in den USA verfasst und lebt mit ihrer Familie in Zürich. «Der Geruch von Lehm» ist ihr erstes literarisches Werk.
Beitragsbild © Ursula Häne
