Margrit Schriber «Eva im Gewächshaus» – ein Geschenk zu 10 Jahre literaturblatt.ch

Liebe Margrit, Dir vielen Dank für das Geschenk einer Geschichte.

Wir sind in der Welt herum gereist, immer auf der Suche nach dem Besseren und Interessanteren. Unser Freund ist nie verreist. Sein Paradies fand in einem Gewächshaus Platz. Wir haben Hans in einem Kochkurs kennen gelernt. Er war unter uns allen der geselligste. Den Abschluss der Kochabende feierten wir bei ihm. Er wohnte allein. Sein Holzchalet glich einer Tourismuswerbung für die Schweiz. Weithin leuchtete ein Rosa-Geranienband über die Breite der dunkelbraunen Fassade. Vom üppigen Blust eines Junggesellen waren wir erschlagen. Im Garten gab es ein Hühnerhaus. Der farbenprächtige Hahn stelzte mit seinen federfüssigen Zwerghühnern durch den Hof. In einem Teich schwammen zwei Schwarzschwäne. Ruckhaft glitten sie übers Wasser und stocherten mit dem roten Schnabel auf dem Grund. Und am andern Ende des Gartens zog ein Pfau seine breitgefächerten Federaugen über den Rasen.

Alle Kochkursteilnehmer besassen einen Gewürztopf, einen Gemüsestreifen oder einen bepflanzten Balkon. Keiner aber hielt sich dazu eine Menagerie. Die seltenen Tiere dienten hans nicht zur Zucht oder Versorgung. Sie waren nur zur Verschönerung da, als Ergänzung der Blumen, Kübelpflanzen, Steinfiguren und der Tischgarnitur mit Volants an den Kissen.
Er brauche Schönheit, wie Luft zu Atmen, gestand Hans.
Wir nickten einander zu, Hans ist ein Ästet. Als Personalchef füllte er eine Vollzeitstelle. Trotz des Einkaufs und den Vorbereitungen unseres Treffens, war sein Rasen gemäht, die Kanten waren geschnipselt und die Fugen der Steinplatten gejätet.
Wie schaffst du das alles? Er tat als wische er eine Mücke weg.
Beeindruckt von seinem grünen Daumen, liessen wir uns Tipps zur Pflege der eigenen serbelnden Pflänzchen geben. Er bückte sich nach einem verdorrten Blatt, reckte sich zur Zitrone am Baum, wirbelte mit Geschirr über dem Tisch und rannte mit dem Tablett zur Küche zurück. Sein Monogramm war in die Gläser geätzt. Er gestand, dass er neben dem Kochen auch Kurse zum Glasgravieren, Porzellanmalen und Rosenschneiden mache. Lächelnd drehte er den funkelnden Wein im erhobenem Kelch, als gedenke er zur Krönung seiner Perfektionierung sich nun eine Eva zu erschaffen.
Wir liessen den Tausendsassa hochleben. Prost auf dein Paradies!

Im Winter zierten Girlanden aus Tannzweigen und Lichterketten das Balkongeländer an der Fassade. Das Holzhaus leuchtete in die Nacht hinaus. Wir sahen es von weitem. Und fragten uns, ob eine Eva uns dort erwarte. Das Hühnervolk mit den gefiederten Pluderhosen war schon ins eigene Haus gesperrt. Der Schein ihrer Heizung rieselte durch die Holzritzen. Das Wohnzimmer erstrahlte im Lichterglanz. Grössere Fenster mit Stickgardinen erweiterten den Raum. Und es gab jetzt ein Klavier. Hans konnte nicht spielen, aber er öffnete den Deckel für etwaige Klavierspieler unter den Kochkursfreunden. Aber keiner verstand sich aufs Musizieren.
Wir sogen den Duft seiner Blumen ein. Auch auf der Rundtreppe zum Schlafzimmer standen Vasen. Hans zeigte uns seine neue Dreieckswanne. Sie war noch nicht angeschlossen. Wir gaben zu, dass im Rosa des Porzellans die Haut einer Schaumgekrönten gut zur Geltung käme. Ahnten, dass er Hans die heimliche Affäre verheirateter Damen ist. Nannten ihn ‘Lüstling’. und hoben scherzend den Finger.

Das Dekor des Esstischs überstieg unser Vorstellungsvermögen. Doch dieser war nur für die Mitglieder des Kochkurses gedeckt.
Wir stiessen die Gläser zusammen. Was nicht ist, kann noch werden, zum Wohl!
Hans rannte, bediente, deckte ab, trat mit dem Fuss die Tür auf und balancierte neue Platten durchs herabhängende Glitzerdekor. Er erwähnt eine seltene Blume mit dem Namen ‘Udumbra’ oder ‘die glückverheissende Blume vom Himmel’. Sie blüht einmal in tausend Jahren. Es ist sein innigster Wunsch, sie einmal zu sehen.
Wir assen, sangen, tanzten. Und beim Abschied lagen wir einander in den Armen.
Die Grosszügigkeit von unserem Freund beschämte uns. Wir wollten die seligen Abende mit Gegeneinladungen aufwiegen. Aber Hans wünschte dies nicht. Es gehe nicht. Er sei zu sehr in Anspruch genommen. Von den Tieren, vom Garten, vom Haushalt und Beruf. Wolle sich auch noch eine Katze zulegen, die benötige einen Kratzbaum mit Minihaus. Er müsse die Palme umtopfen. Und überhaupt. Kommt zu mir!

Seine Kübelpalme wurde zu gross, um sie im Haus zu überwintern. Er wollte sich ein Gewächshaus zulegen. Es musste gross genug sein, damit er es an die Rückseite seines Chalets bauen konnte. Er würde aus seinem Schlafzimmer auf den Balkon treten, in der Krone seiner Palme stehen und über seine Schöpfung schauen. Wie Gott.
Es dauerte Monate, bis Hans das passende Gewächshaus fand, die Baubewilligung bekam und die Wasserrohre verlegt waren. Er benötigte Sprühnebel und Heizung für sein mediterranes Klima. Sein ganzes Salär floss in die exotische Bepflanzung. Das Anschliessen seiner Dreieckswanne musste warten.
Bei unserem Besuch legte Feuchtigkeit und Blütenduft eine Hülle um uns. Man wähnte sich auf einem andern Kontinent. Die Rokokogruppe aus Porzellan war neu. Das Klavier sei aus einer guten Werkstätte, versicherte Hans. Es habe einen vollen Klan. Allerdings wurde noch nie darauf gespielt.
Deine Eva wird das Piano beherrschen, versicherten wir. Hans nickte. Natürlich, dieses Piano wartet auf sie!
Das Wohnzimmertür führte beinah schwellenlos in den gläsernen Anbau. Die eiserne Tischgruppe hatte dort nun ihren festen Standplatz. Seine Katze war keine Besuche gewohnt. Als unsere Rasselbande das Gewächshaus betrat, flüchtete sie auf den Zitronenbaum. Für den Rest des Abends liess sie ihre Beine vom Ast hängen, beobachtete unseren Tisch und zuckte mit der weissen Schwanzspitze. Hans rannte umher. Wie immer. Der perfekte Koch, Dekorateur, Disc-Jockey und Gastgeber. Aber er rannte mit kürzeren Schritten, so dass sein aufgeschrecktes Hühnervolk ihn überholte und in die andere Ecke des Hofs flüchten konnte. Er vermochte die Pluderhosenbeinchen nur mit Mühe in ihr Haus zu treiben. Doch es musste sein. Ein Marder schlich sich nachts ins Gehege.

Wir schlemmerten nun auch im Winter unter einer Palme und atmeten die würzige Feuchtigkeit der Ferne. Sein Recorder imitierte die Schreie von Affen und buntgefiederten Vögeln. Man wähnte sich im Urwald. Wir liessen uns fürstlich bewirten, lehnten unsere Köpfe aneinander, trommelten auf unseren Mund und erwarteten als Antwort die seltsamen Laute eines im Gebüsch lauernden, hungrigen Tiers. Hans trippelte unverdrossen vom Tisch in die Küche und ins Gewächshaus zurück. Von uns erhob sich niemand aus dem gerüschten Sitz. Wir hatten keine Lust, das Paradies von unserem Tausendsassa zu erkunden. Die Finsternis hinter den gezackten Blättern hatte etwas Unheimliches. Wir sahen uns immer wieder um, redeten von Schlangen und fürchteten ihr Herankriechen.
Wo war Eva?
Wir wagten nicht, Hans danach zu fragen.

Plötzlich war sie da!
Aus einer Rippe geschnitten, wie in der Bibel. Kaum zu glauben. Wir waren in der Nähe des Chalets, hatten eine Pflanze dabei, die rasch in die Erde musste. Und wollten Hans damit überraschen. Als wir ins Gewächshaus stolperte, kauerte eine nackte Frau im Moospolster, halb in einen Pelz gehüllt. Ein blasses, ätherisches Wesen mit dünnen Beinen und dem Flaum von einem Kückchen auf dem Kopf. Es ordnete den Pelz um die Schenkel, sah uns mit erstaunten Wasseraugen an. Und im Hintergrund verstreute der Recorder Urwaldlaute.
Hans hat uns seine Eva vorgestellt. Was sie macht. Woher sie kommt. Warum sie im Moos kauert. Er redete, als sollten wir das Geschilderte als ein Bild der Vollendung von seinem Paradies im Kopf bewahren. Wir spürten die Bedeutung dieses Augenblicks, denn er wog jedes Wort, als sei es Teil seines Testaments. Und die Pausen füllten die Affen mit ihrem Gekreisch.
Seine Stelle habe er aufgegeben. Wir starrten ihn ungläubig an. Er machte eine wolkige Handbewegung. Fluff! hauchte er. Er mache jetzt Steuererklärungen für Privatpersonen. Wir begriffen, dass Hans Zeit für seine Eva braucht.

Sie betrachtete unsere, ihr zum Gruss hingestreckte Hand, als sei ihr diese Geste ein Rätsel. Sass einfach im Moos, legte den Kopf etwas zur Seite und blinzelte ins Licht. Ihre Oberlippe überlappte die Unterlippe. Dies gab ihrem Mund etwas Schnabelartiges. Uns erschien sie wie ein exotischer Vogel, der sich im Gewächshaus von unserem Freund mit einigen Flügelschlägen niedergelassen hatte.
In Wahrheit arbeitete die Frau in einem Stadtbüro. Fuhr morgens um acht Uhr im Lift zum verglasten Himmel, piepste ins Telefon, protokollierte, übermittelte, gewährte oder untersagte. Und abends sank sie im Lift ins Erdgeschoss.
In Wahrheit war ihr Chef auch ihr Liebhaber.
Und Hans? Sie wirkte weder unentschlossen. Noch sicher. Wir erfuhren, dass sie die gleichen Pelze trägt, wie die Frau des Chefs. Sie ass am Familientisch. Verbrachte die Freizeit und Ferien mit dem Paar. Man flog Business-Class. Buchte wenn immer möglich einen Dreierplatz. Die Gattin sass am Fenster, die Geliebte am Gang, der Gottgegebene thronte in der Mitte. Ein eingeschliffenes Muster. Ein Gesetz.
Der Verehrer auf dem Land war neu. Diese Anbetung, diese heimlichen Urwald-Trips, die Verlockung zu Ausflüchten, alles so aufregend und belebend. Bis anhin war ihr Himmel hinter Glas und dieses hinderte sie am Auffalten der Flügel.

Wir haben Hans nur noch selten getroffen. Er rannte durchs Einkaufszenter, packte Esswaren und einen Sack Grillkohle in den Drahtkarren. Ich bin in Eile, rief er von Ferne. Und verschwand. Durchs geriffelte Glas des Gewächshauses waren am Wochenende bewegte Schatten zu erkennen. Wir ahnten, dass Hans dort ein Feuer entfacht, um sein Paradiesvögelchen zu wärmen. Es war zart wie ein Traum. Flüchtig wie ein schöner Schein.
Hans hoffte wohl, dieses Wesen würde in der Wärme seines Gewächshauses den Pelz des Chefs abstrampeln. Unser Freund war ein glühender Tierschützer und Gegner von Pelzfarmen. Dass der durchdringende Pfauenschrei seine Liebste erzittern liess, nahm er hin. Er dachte, sie gewöhnt sich daran. Dass sie sich nicht mit seiner sanften Katze anfreunden wollte, war ihm unverständlich. Sie verabscheute Haustiere, mochte hingegen Lämmer und Chinchillas, wegen der molligen Pelze. Dies brachte ihn auf. Sie hob ihre Brauen und behauptete, in diesem Punkt ganz auf der Linie ihres Chefs zu sein.

Natürlich versuchte Hans mit ihr zu reden. Doch sie verfiel in Schweigen. Und schlimmer: Sie stürzte aus dem Gewächshaus. Und reiste zurück in die Stadt.
Er muss verzweifelt gewesen sein.
Um aus einem Garten ein Paradies zu schaffen, hat er viele Kurse absolviert, sein ganzes Salär in seltenen Pflanzen und edlen Tieren angelegt. Und nun, da endlich eine Eva zwischen den Blumen und Tieren wandelt, zeigen sich Schwierigkeiten. Sie ist eigen. Hat ein Vorleben. Teilt die Linie ihres Chefs, sein Bett, seinen Luxus und die Kompetenzen seines hohen Amts.
Dies verunsicherte Hans. Wir versuchten ihn abzulenken. Schlugen eine Bergwanderung vor, den Besuch einer Ausstellung, eine Einladung zum Essen. Aber wann immer wir ihm begegneten, trat er von einem aufs andere Bein. Hatte keinen Hunger, keine Zeit, keine Lust.

Wie geht es weiter? haben wir uns gefragt.
Die beiden haben sich wieder gefunden. Inzwischen hatte sie mit dem Paar Ferien gemacht. Ihr wütender Aufbruch war eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit. So liess sich ihre bevorstehende Reise in die Karibik verschweigen. Nach der Rückkehr klingelte des Telefon von Hans.
Wollen wir uns sehen?
Natürlich will er sie sehen.
Er ist ihr mit einer Blumengirlande entgegengerannt. Alle Lichter des Chalets brannten. Kerzen flackerten, Klaviermusik klang aus dem Recorder. Das Piano war aufgedeckt, als würde darauf gespielt. Überall standen Schalen mit Snacks. Seine Eva warf sich in den Polstersessel, als wäre sie endlich zuhause. Sie schillerte vor der Finsternis in den Fenstern. Und Hans war glücklich.
Er hat ihre Nägel lackiert, ihren Mund dunkel bemalt und eine Blume hinter ihr Öhrchen gesteckt. Mit einer Serviette schlug er leicht auf ihre Schulterkugel, als stäube er ein allerletztes Fitzelchen vom Alabaster.
Dann kniete er sich vor sie hin. Und schaute seine Eva an. Dieses Wesen mit den schrägen Ideen, das er zutiefst vermisst hatte. Er wurde nicht satt, es anzusehen, zu berühren, den Duft der blassen Haut einzuatmen.
Wir, seine Kochkursfreunde, haben uns gefragt, wie die Zwei das Leben im Paradies verbringen wollen? Kochen kann sie nicht. Gärtnern will sie nicht. Körner streuen wird sie nicht. Die Katze erträgt sie nicht. Der Pfauenschrei erschreckt sie. Und Putzen liegt ihr nicht.
Sie müsse nichts tun, meinte Hans. Nur da sein. Zum Ambiente passen. In einem Nichts aus Seide durchs Haus wehen. Die geranienroten Fussnägelchen in den Rasen setzen. Ihre weissen Arme zu den Zitronen recken. Vom Porzellan essen, das er für sie mit Blüten und Girlanden bemalt hat. Das Klavierspiel erlernen. Sie kann tun und lassen, was immer sie will. Sie ist seine Einzige und muss ihn mit niemandem teilen. Einfach da sein! Seine Sonne über dem Paradies. Die Erfüllung seines Traums.

Sein Garten bekam Dünger. Um weniger jäten zu müssen, bepflanzte er die letzten Lücken mit Blumen. Alles trieb, blühte, verzweigte sich und streute Samen. Damit das Anwesen nicht verwilderte, arbeitete er bis zur Erschöpfung. Aber ohne Salär und regelmässige Nebeneinkünfte musste er aufs Ersparte zurück greifen. Er war nicht gewohnt, sich bei der Ausstattung von Haus und Garten einzuschränken, andererseits auch kein Verschwender. Er bot uns Jungtriebe seiner Exoten zum Kauf. Als Kochfreunde hegen wir Gewürze und Salate. Aber an Palmen, Agaven und Zitronenbäumen haben wir keinen Bedarf. Aus Gefälligkeit haben wir manchmal eine Topfpflanze zum Verschenken gekauft.

Da seine Eva ihn ab und zu besuchte, waren wir selten zu Gast. Ihr Eintreffen war nie vorausplanbar. Sie kündete sich kurzfristig an. Wenn ihr Chef seine Schwiegereltern zu Besuch hatte, war keine Nebenfrau am Familientisch erwünscht. Auch zum Dinner mit einem Politiker konnte der Chef nicht mit der Sekretärin am zweiten Arm aufkreuzen. Solche Gelegenheiten nahm sie für einen Ausflug ins Paradies wahr.
Als Kochfreunde sind wir uns bewusst, welchen Wirbel Hans veranstalten musste, um innerhalb weniger Stunden Chalet, Garten und Gewächshaus herzurichten, Pflanzen zu wässern, zehn Tiere zu versorgen, einen Menüplan aufzustellen, einzukaufen, den Grill, den Tisch, die Getränke und Snacks vorzubereiten. Er kam kaum dazu, sich über die Lust und Laune seines ätherischen Wesens Gedanken zu machen. Er bügelte im letzten Moment sein Hemd. Schon ging über dem Paradies die Sonne auf!

Nach zwei Jahren schüttelte die Sekretärin noch immer den Kopf über die Hühner in Pluderhosen. Sie kniete am Teich, spielte mit Steinen, bis ein Schwan ihr zischend die Sägeblattzähne zeigte. Bei jedem Besuch war die Abwehr wütender.
Deine Tiere hassen mich! Sie verschwören sich!
Die Katze floh zu den Zitronen. Und der verdammte Pfau? Schlug er jemals ein Rad für sie? Nein! Sein Schrei gehe ihr durch Mark und Bein.
Es wäre schön zusammen zu verreisen. First Class mit Emirates. An exciting travel! Nur du und ich!
Hat sie das wirklich gemeint, wie sie es sagte? Oder stiegen Bubbleblasen aus dem Geranien-Mund?
Wir stellten uns vor, wie sehr der Kochfreund würgte, als seine Eva Prospekte aus ihrer Vuitton-Tasche purzeln liess. Die Ferienzeit nahte. Im Monat Mai besorgte die Zweitfrau des Chefs immer Reisevorschläge und Hotelprospekten. Der Gottähnliche war mit seinen Nebenfrauen noch nie in Dubai.
Im Sommer, da im Garten von Hans alles blühte, die Nächte lau waren und Hans mit Eva im Rasen liegen konnte, um den Blütentanz der Insekten zu verfolgen, und Sternbilder zu suchen, da will sie nach Dubai um dort durch tausend Läden einer Shopping Mall zu streifen, auf dem höchsten Bauwerk der Welt sich einmal im Kreis zu drehen und mit dem Lift wieder ins Parterre zu sinken. Wie an jedem Arbeitstag. Mit dem Unterschied, dass vom Stadtbüro die Liftfahrt weniger lang dauert. Und dass sie in Dubai aus der Kabine in die flimmernde Hitze tritt.
Hans war auch noch nie in Dubai. Fuhr nicht einmal in die Bundeshauptstadt Bern. Ihm genügte das Schweizerchalet im eingezäunten Garten.

Er vermisse nichts, gestand er uns. Jeden Tag erblühen Blüten. Jede ist einzigartig. Seine Tiere überraschen ihn immer neu. Sie sind seine Familie und sie betrachten ihn als Zugehörigen. Seine Menagerie bringt ihn zum Lachen und Staunen. Er schilderte uns die einzelnen Tiere. Ein jedes hat seine Eigenheiten. Zeigt Anhänglichkeit oder Furcht. Wartet, beobachtet, verstellt sich, täuscht, versucht eine Geste zu deuten, pirscht sich an, oder flüchtet.
Hans gestand, dass die Tiere einander beobachten. Alle stehen unter ständiger Beobachtung. Eins erwartetet vom andern das Einhalten von Regeln. Von mir erwarten sie Anstand. Wie konnte er da nach Dubai fliegen? Selbst wenn er Geld hätte. Es gibt Dinge, die kann er einfach nicht tun. Die gehen ihm gegen den Strich.

Er hat es dem ätherischen Wesen erklärt. Lang und breit. Dieses hat nichts verstanden. Nur die Unterlippe ausgestülpt, mit zwei Fingern ein Haarbüschel in die Stirn gezupft und mit verdrehten Augen den Kückchenflaum angeschaut.
Hans liess die Faust auf den Tisch fallen. Seine Eva erschrak.
Wenn du verlangst, dass ich aus Verachtung über mich vom höchsten Gebäude der Welt kotze, dann bitte geh!
Sie schaufelte die Prospekte in ihre Tasche, angelte unter dem Tisch nach den Stöckelschuhen und ging. Tschüss! Schluss und aus!
Hans war wieder Single.

Nach langem trafen sich die Kochkursfreunde wieder einmal im Gewächshaus. Diesmal versammelten wir uns an einem Sonntagnachmittag zu Kuchen und Kaffee. Etwas ungewöhnlich für einen Koch, dessen Gelage einmal bis ins Morgengrauen dauerten. Die exotischen Pflanzen füllten jetzt sein Gewächshaus mit Dunkelheit. Der Garten erschien kleiner. Dies lag wohl daran, dass die Büsche überbordeten. Der Pfau glitt nicht mehr über den Rasen. Hans musste ihn einschläfern lassen. Den Teich hatte er zugeschüttet. Die schwarzen Schwäne glitten über den See ihres neuen Besitzers. Nur die Hühner und die Katze waren noch da.
Hans rannte mit dem Tablett umher, wie immer. Bückte oder dehnte sich, und verwirbelte die Arme. Doch seine Bewegungen hatten etwas bleiernes. Er sagte, es gehe ihm gut und schaute dabei ins Geäst der Palme, als suche er die Vogelfrau.
Wir klatschten die Hand auf sein Stuhlkissen. Setz dich zu uns! Ruh dich aus!
Gleich! rief Hans und rannte wieder in die Küche.
Hilfe lehnte er ab. Seine Palme war gewachsen. Ihr Blattwerk neigte sich über unseren Tisch und raschelte am Glasdach. Vom Schlafzimmerbalkon vermochte er die gefiederten Blätter mühelos erreichen. Es tue ihm aber weh sie zu kappen. Er stehe mit der Säge vor der Krone. Und empfinde einen körperlichen Schmerz.

Eine Falte kerbte seine Nasenwurzel. In abgetretenen Schuhen stand er leicht schwankend vor uns. Hielt die selbstbemalte Kuchenplatte in beiden Händen, um sie zitternd in die Tischmitte zu senken.
Er hatte den Wunsch, überflüssige Dingen zu verkaufen. Er habe es sich lange überlegt. Nun sei es an der Zeit, sich von diesem und jenem zu trennen. Wir erinnerten uns an die Rosa-Badewanne, die auf eine Schaumgekrönte wartete. Sie war noch immer nicht angeschlossen. Da gab es auch Ölgemälde, handbemaltes Geschirr, die Rokkokogruppe, einen goldgerahmten Spiegel. Und was war mit dem Klavier?
Was würden diese Dinge bringen?
Wir alle wussten, ihr Verkauf bringt so gut wie nichts. Unser Kochkursfreund hatte Schulden. Seine Ersparnisse waren aufgebraucht. Die Nebenjobs reichten nicht zum Leben.
Es gibt keine Käufer, Hans.
Er liess sich in den Polstersitz fallen und begann über den fehlenden Geschmack der Leute zu wettern. Sie kaufen ‘Miacasa’, Presspan, Imitat. Er empörte sich plötzlich auch über Ausländer, die hierherkommen, nichts arbeiten, aber Kinder zeugen, und von unserem Steuergeld leben. Ereiferte sich immer mehr und schickte Schimpftiraden zu allen Kopftuchfrauen.

Mit Entsetzen sahen wir unseren Kochkursfreund mit fuchtelnden Armen im Meer seines Elends versinken. Uns wurde klar, dass das Kaffeekränzchen das Ende unserer seligen Abende bedeutet. Unser Freund war erschöpft und zerzaust. Die Katze kauerte auf seiner Schulter. Ihren Kopf kraulend, redete nur noch mit ihr über Menschen ohne Achtung vor Tieren, Blumen, Landschaften und dem Lebenswerk der Anderen.
Stumm brachen wir auf. Alle steckten beim Gehen einen Geldschein unter den Kuchenteller. Trotz seinem fortgesetzten Wüten war Hans unsere Geste des Mitleids nicht entgangen. Er verstand sie als Demütigung. Mit einem gellenden Pfauenschrei schleuderte er die Noten an unseren Kopf. Fluchend vertrieb er uns aus seinem Paradies. Der eiserne Torriegel krachte hinter uns ins Schloss.

Wir haben nichts mehr von Hans gehört. Im Schaukasten eines Immobilienhändlers entdeckten wir ein zum Verkauf stehendes Chalet. Es war dasjenige von Hans. Wir erkundigten uns bei der Nachbarin. Sie wusste von seinem Auszug. Hatte aber mit Hans keinen Kontakt. Sie verwies uns an die Gemeindebehörde.
Er sei gestorben, teilte man uns mit. Näheres war aus Gründen des Datenschutzes nicht zu erfahren. Doch wir bekamen die Anschrift einer Nichte. Sie schien von unserer Anfrage überrascht, da sie in der Hinterlassenschaft vergeblich nach Adressen von Freunden und Bekannten suchte. Sie fand keine Briefe, keine Notizen, keine Telefonnummern, nicht eine einzige Spur von einer Menschenseele. Als habe ihr Onkel sein Leben verpasst.
Von einer Katze wusste sie nichts. Ein Hühnerhaus? Sie fand Mauerreste.
Vom Tod des Onkels hatte sie durch einen Notar erfahren. Bei diesem lagerte ein Packen Rechnungen und Mahnungen. Aufs Anwesen bestand ein Anspruch der Gläubiger. Die Nichte erwog den Ausschlag ihres Erbes.
Schon als Hans noch im Chalet wohnte, wurden Wasser und Elektrisch abgedreht. Er hatte keine andere Wahl, als auszuziehen. Die Gemeinde suchte ihm ein Zimmer im Altersheim. Einige Topfpflanzen konnte er dorthin retten.
Er sei ungesellig gewesen. Ein Sonderling. Täglich pilgerte er zum Chalet, um die Katze zu füttern. Immer schleppte er eine volle Giesskanne mit, um zu giessen. Er sammelte die Scherben des zerborstenen Glasdachs ein. Mit einem Blütenzweig, einer Topfpflanze oder einem Palmblatt kehrte er ins Heim zurück.
Wir begriffen, dass Hans sein Paradies nie aufgegeben hat. Es gab Dinge, die konnte er einfach nicht tun.

An einem Tag wurde er ohnmächtig in seinem Zimmer aufgefunden. Er hatte sich den Kopf aufgeschlagen und musste notoperiert werden. Als er erwachte, riss er die Schläuche ab, um sich zum Chalet zu begeben. Das Pflegepersonal konnte ihn nur mit Mühe zurückhalten und bändigen. Er schrie wie sein Pfau, schlug mit Armen und Beinen um sich und biss in die Luft. Man habe ihn stillgelegt.
Wir ahnten, was dies für Hans bedeuten musste. Er mochte beim Schaffen des Paradieses vergessen haben, dass ein Mensch nicht alles nach seinem Wunsch formen und nach seinem Willen hinbiegen kann. Aber er hatte sein Leben für diese Idee hingegeben. Nun kannte er nur noch Bitterkeit, Trotz und Wut.
Als er im Sterben lag, hielt niemand seine Hand. Wir waren zerknirscht. Warum haben wir ihn nicht besucht? Er war unser Freund. Die Einsamkeit und der Verlust seines Paradieses brachten ihn beinah um den Verstand. Wir stellten uns die letzten Stunden vor.
Die steifen Schürzen des Personals raschelten wie die Blätter seiner Palme. Vielleicht dachte er ans Flügelschlagen seiner Vogelfrau. Hatte er einen letzten Wunsch?
Natürlich hatte er einen Wunsch. Er wollte die Blume mit dem Namen Udumbra sehen, die einmal alle tausend Jahre blüht.
In unserem Innersten haben wir alle gehofft, dass die Vogelfrau sein letztes Bild gewesen ist. Sie neigte ihm ihren geranienroten Schnabel zu und versprach, ihn zur Blume zu bringen. Und um den Pakt und sein Ende zu besiegeln, spreizte sie die blasse Hand über sein Gesicht. Der Tod spielte dazu auf seinem Klavier.
Wir wollten uns ums Klavier sammeln, und an diesem seligen Abend von Hans Abschied zu nehmen.

Margrit Schriber, 1939 in Luzern geboren, lebt in Zofingen und in der Dordogne. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.

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Beitragsbild © Suscka Kottonau