Lieber Bruder Gallus,
leider müssen wir dir mitteilen, dass wir, nach reiflichen Überlegungen und Kontroversen im Konklave, zur Entscheidung gekommen sind, dass du, Bruder Gallus, zum Literaturpapst nicht taugst.
Die Einwände waren mannigfaltig. Trotz deines unbestreitbaren Engagements über 10 Jahre, gebricht es an den entscheidenden Eigenschaften für dieses hohe und würdige Amt. Die Würde ist vielleicht ein guter Anfang: Zu wenig gravitätisch dein Auftreten, zu Bescheiden der Habitus, die Kleidung… lieber Bruder, wir haben doch kein Armutsgelöbnis abgelegt. Zu wenig dogmatisch scheinen uns deine Urteile.
Deinen Einlassungen fehlt der hohe Ton des Predigers. Zweifel haben wir alle, dass du mit der Unfehlbarkeit, die ein solches Amt mit sich bringt, viel anfangen kannst.
Nein, lieber Bruder, wir schätzen dich in unseren Reihen, aber ein Papst wirst du uns nicht.
Folge trotzdem unbeirrt dem Weg, den dir der Herr weist und tu weiter dein Geschäft, im festen Glauben, dass dich eines Tages das Bundesamt für Kultur erkennt und sich deiner erbarmt. Und auch wir folgen deinem Licht, dass du aus Amriswil in die Welt schickst! In Herrlichkeit und bis in alle Ewigkeit!
Dein Bruder Lüscher


Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle «Frühling der Barbaren» war 2013 ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und war nominiert für den Schweizer Buchpreis, sein Roman «Kraft» gewann 2017 den Schweizer Buchpreis, für seinen Roman «Verzauberte Vorbestimmung» wurde ihm 2025 u.a. der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis verliehen. Jonas Lüscher erhielt ausserdem u.a. den Prix Franz Hessel, den Max Frisch-Preis der Stadt Zürich und den Marieluise-Fleißer-Preis. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.
