Leonie ist zurück in der Schweiz. Wenn auch nicht so, wie sie es sich vorgestellt hätte. Zurückgeworfen in ein Spitalbett, ausgespuckt aus einer Geschichte, die sie nicht loslässt, denn an ihrem Bett sitzt ein Polizeibeamter. Eine turbulente Geschichte um eine Frau, die sich als Kriegsberichterstatterin vom Leiden nicht besiegen lassen will, aber in der Liebe kapitulieren muss.
2003. Leonie „Leo“ Lusser bricht in der vom Sommer aufgeheizten Berner Innenstadt zusammen, eben zurück von der Beerdigung von Hugo Karpf. Ein geplatzter Eileiter, innere Blutungen im Bauchraum, Kreislaufzusammenbruch und Atemstillstand. Sie überlebt nur, weil ein bärtiger Mann und ein Barmann gedankenschnell reagieren und sie es rechtzeitig ins Spital schafft. Sie, die als Auslandkorrespondentin mitten im Irakkrieg, vom angeblichen Präventivkrieg gegen eine mit Massenvernichtungswaffen aufgeblähte Diktatur berichtete, wird nicht nur von einem Blutbad in ihrem Inneren niedergestreckt, sondern von der fanatischen Liebe eines Mannes, der seinen Wahn mit dem Leben bezahlen musste. Sie, die aus der Enge einer krankhaften Liebesbeziehung in ein Kriegsgebiet entfloh, liegt in einem Spitalbett – und er, Hugo Krapf, Musiker, Ehemann und Familienvater, einst ihr Geliebter, irgendwann nur noch die blinde Klette, liegt tot auf einem Berner Friedhof. Sie von der Polizei bedrängt, weil man sie für den Tod von Hugo Krapf verantwortlich macht, Krapf, der Musiker, niedergestreckt mitten in den Wirren des Irakkriegs.

Es hätte Leos Beginn von etwas Grossem werden sollen. Endlich Auslandkorrespondentin, endlich die Chance, mit dem, was man tut, etwas bewirken. Endlich in einem Team, das zusammenarbeiten muss, weit weg von den Positionskämpfen innerhalb einer Redaktion. Aber auch endlich die Distanz zu einem Leben, das ihr mehr und mehr die Luft nahm. Als sie Hugo Krapf kennenlernte, war er genau der, den sie brauchte. Ein Mann ohne Besitzanspruch, ein Mann auf Distanz, ein Mann, der sie auf Musikerhänden trug, der ihr das Gefühl gab, geliebt und begehrt zu sein. Der sich aber mehr und mehr in Leos Leben einmischte, ihr mit der Zeit den Raum, die Luft nahm. Der sie mit seinen Versprechungen und Hinhaltungen, seinem Besitzanspruch und seinen sich mehrenden Gewaltausbrüchen verunsicherte und bedrängte. Ein Liebe, die für Leo zur Bedrohung wurde, das, was man heute toxisch bezeichnet. Eine Beziehung, die immer mehr auf den einen grossen Knall hintaumelte. Und jetzt lagen sie beide niedergestreckt in Bern. Er tot, sie im Spital von der Polizei bewacht und vernommen.
Der Kriminalbeamte Antonio Tondo setzt sich in Leos Wachphasen an ihrem Bett fest, fordert sie unmissverständlich auf, die Geschichte ihrer Beziehung zu Hugo Krapf zu erzählen. Und Leonie berichtet. Nicht nur, weil sie sich gezwungen fühlt, sondern weil sie Ordnung machen muss in ein Leben, das ihr entglitt. Da ist die Geschichte einer Frau, deren Träume von der Realität in einem brutalen Krieg pulverisiert wurden, die die Folgen von Unmenschlichkeit und Gewalt am eigenen Leib erfahren muss, die nicht nur die Liebe verlor, sondern gleich mehrfach gedeihendes Leben in ihrem Leib, der das Schicksal Glauben machen wollte, mit ihr sei Liebe nicht lebbar. Was sie anfangs nur widerwillig dem Beamten preisgibt, spannt in ihrer Erinnerung, die mit dem, was geschah, immer trüber zu werden drohte, immer klarere Fäden und erschliesst ihr das, was sie mit dem scheinbar absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben, verloren zu haben schien.
Karin Hofmann, selbst lange Zeit für das IKRK in Krisengebieten tätig, weiss, wovon sie erzählt. Wie sie den zweiten Teil ihres Romans mitten im Irakkrieg inszeniert, mir vor Augen führt, was ich als Leser vergessen und verdrängt habe, ist beeindruckend und viel mehr als die Kulisse einer vom Wahn durchtränkten Beziehung, die letztlich in die Katastrophe laufen muss. Man kann der Autorin vorwerfen, zu viel hineingepackt zu haben, aber das schmälert nicht meine Faszination für eine Geschichte, die man so in der helvetischen Literaturszene nur ganz selten antrifft. Da traut sich eine Autorin, mit der grossen Kelle anzurühren! Ein Roman mitten in den Brennpunkten der Gegenwart!
Karin Hofmann lebt in Bern und ist seit vielen Jahren in Führungspositionen des Gesundheits- und Sozialbereichs tätig. Die Erfahrungen aus ihren langjährigen Einsätzen als Delegationsleiterin beim IKRK sind im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» geschildert. Ihr neuer Roman, dessen Zentrum in einem Berner Spital angesiedelt ist, profitiert in seiner Authentizität auch von Erlebnissen, die sie in Bagdad und in einem kurdischen Teil Iraks erlebt hat. Seit 2018 ist sie Geschäftsführerin des Vereins Wohnenbern.
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