Vielleicht ist der Schmerz des Zurückgelassenseins einer der heftigsten, wenn sich Schmerzen überhaupt vergleichen lassen. Und doch gibt es den Schmerz, der vergeht, der sich relativiert. Und es gibt jenen, der sich über Jahrzehnte durch die Seele frisst.
Matteo B. Bianci erzählt in „Von dem, der bleibt“ von seiner grossen Liebe zu A. Und von seinem unendlichen Schmerz darüber, dass A. seinem Leben ein Ende setzte und ihn zurückliess. Ein ungemein persönliches Buch, das darum nicht scheitert, weil sich die Erzählstimme direkt an mich wendet, weil sich da einer auftut, weil jemand seinen Schmerz erklären will, um mir mit meinem Schmerz zu helfen. Und doch kein Selbsthilfebuch. Auch kein Protokoll der Selbstzerfleischung.
Matteo B. Bianci schrieb dieses Buch über Jahrzehnte und veröffentlichte es mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod seiner damaligen Liebe. Ein Buch, das geschrieben werden musste, um Ordnung zu schaffen, um Zeugnis davon abzulegen, dass ein solcher Schmerz trotz allem umgewandelt werden kann. Ein Buch, das von einem unsäglich langen Prozess erzählt, bis zur Entscheidung, ob man sein Leben ganz diesem Schmerz widmen oder über ihn hinaussteigen will.
Ein Anruf von A. ins Büro: „Wenn du wiederkommst, bin ich schon nicht mehr da.“ Sie hatten sich nach sieben Jahren Beziehung vor wenigen Monaten getrennt. A. lebte noch immer phasenweise in der einstmals gemeinsamen Wohnung. Sie trugen Auseinandersetzungen aus, aber nichts hätte darauf hingewiesen, dass es in einer Katastrophe ausarten würde. Als Matteo am Abend nach Hause kam, hing A. an einem Rohr in der Wohnung. Die denkbar schlimmste Katastrophe, ein nicht enden wollender Schmerz, nagende Fragen und das äzende Gefühl des Zurückgelassenseins. Auch wenn da Menschen sind, die zu verstehen und zu trösten versuchen.
Eine solche Tat schwebt wie ein böser Geist über dem Leben der Zurückgelassenen, kocht ein glutroter Topf voller Schuldgefühle. Warum habe ich nicht erkannt, was vielleicht zu vermeiden gewesen wäre? Hätte ich verhindern können, was geschah? Wie soll ich mit der offenen Wunde weiterleben? Gibt es ein Leben, gibt es ein Lachen, gibt es Ausgelassenheit, Freude danach? Schliesst sich irgendwann die Wunde? Hört der Schmerz zu pochen auf.

Noch immer ist Suizid ein Tabuthema. Noch immer scheint es kaum Hilfe zu geben für jene, die zurückgelassen werden. Suizid wird zum Stigma der Zurückgelassenen. Lieber den Schmerz der Zurückgelassenen ignorieren, als diesen zum Gespächsthema werden zu lassen. Der Erzähler spürt, wie er zum funktionierenden Monster wird, ein Monster, dass am allerwenigsten sich selber verzeiht. Dabei war die Liebe zwischen den beiden über Jahre die Erfüllung aller Wünsche, ein gewonnenes Paradies, auch wenn die beiden aus gänzlich verschiedenen Welten zueinander fanden. Aber genau das war das Geschenk.
Und dann geschieht das Unvorstellbare. Und weil die beiden nicht gesetzlich verheiratet waren, beginnt eine Maschinerie, die das Ausgeschlossensein nur noch verstärkt. Nicht einmal das Foto auf dem Kreuz auf dem Friedhof entspricht der gemeinsam gelebten Wahrheit.
Gute Ratschläge gibt es zu Hauf. Zieh um, verreise, mach Urlaub, eine Therapie, lass dir Medikamente verschreiben. Und weil nichts und niemand den Schmerz zu stillen vermag, greift man nach jedem Strohhalm, mal in die schummrige Stube einer Hellseherin, mal in Selbsthilfegruppen. Ein Kampf gegen den Schmerz des Verlusts, des Verlorenseins, gegen das Nagen einer sich aufdrängenden Schuld.
„Von dem, der bleibt“ ist lesbar, weil sich der Blick des Erzählers wandelt, weil ich als Leser spüre, dass er sich selbst mehr und mehr eine Chance gibt, weil die Sprache eine poetische ist, zugleich reduziert und ehrlich. „Von dem, der bleibt“ ist ein wichtiger Beitrag zu einer Kultur des Schweigens und ein Manifest für Respekt und Aufrichtigkeit.
Matteo B. Bianchi wurde 1966 in Mailand geboren. Autor zahlreicher Romane und einer Biografie über Yoko Ono, schreibt auch Drehbücher. Gründer und Herausgeber der unabhängigen Literaturzeitschrift tina. Er lebt in Mailand. Der vorliegende Roman wurde ausgezeichnet mit dem Premio Stresa und dem Premio Orbetello.
Amelie Thoma, geboren 1970 in Stuttgart, studierte Romanistik und Kulturwissenschaften in Berlin und arbeitete als Lektorin, ehe sie die Übersetzerlaufbahn einschlug. Sie übertrug u.a. Leïla Slimani, Marc Levy, Françoise Sagan und Simone de Beauvoir ins Deutsche.
Beitragsbild © Claudio Sforza