Obwohl so viele Erkenntnisse wie noch nie über alle Formen von Nationalismus in Bücher und Dokumentationen einfliessen, Museen, Gedenkstätten und Ausstellungen offen und kritisch Fakten offenbaren, wächst die Bereitschaft, sich politischen Kräften anzuschliessen, die ganz offensichtlich mit überwunden geglaubten, faschistischen Ansichten sympatisieren.
Marko Dinić erzählt die Geschichte von Isak, einem Kind, das während des Ersten Weltkrieges zusammen mit seiner Mutter am Stadtrand der serbischen Hauptstadt Belgrad aufwächst, einer vom Krieg zerschundenen Stadt, in der das Elend nicht nur an ihrer jämmerlichen Behausung sichtbar ist, sondern am allgegenwärtigen Hunger, den Krüppeln. Isak und seine Mutter Olga glauben nicht mehr an die Rückkehr des Vaters und Ehemanns, von dem man lange nichts mehr gehört hatte. Die beiden sind sich selbst überlassen. Sie beide haben Hunger und Olga, als nach dem Krieg urplötzlich ein Mann wie ein Gespenst im Schuppen auftaucht, driftet immer mehr in der Bar von Rosa und Milan ab, bleibt betrunken sitzen, während Isak sich selber überlassen ist. Bis Olga ganz verschwindet.
Isak wächst zusammen mit dem Waisenjungen Petrar bei Rosa und Milan auf. Er heisst auch nicht mehr Isak, denn der mehr und mehr grassierende Antisemitismus macht es unmöglich, als Jude ohne Todesgefahr in der Stadt zu überleben. Isak und der jüngere Petrar werden zu Brüdern, wobei sich Isak mehr und mehr zu entfemden beginnt, Isak wird zu Ivan. Und als Ivan, alias Isak, erwachsen wird, macht er sich auf die Suche nach seiner Mutter, auf die Suche nach der Haggada, einem kleinen, illustrierten Buch über die jüdischen Riten, einem Stück seiner Identität, einem Buch, das seine Mutter vor ihrem Verschwinden unter den Dielen des Schuppens versteckt hatte.

Isak gerät in die Wirren einer Hauptstadt, die man in Hitlers Reich zur ersten judenfreien Stadt des Landes unter der Hakenkreuzfahne erklärt hatte. Mit dem Suchen nach seiner Mutter, mit dem Suchen in seinen Erinnerungen und seinen Träumen, all den Begegnungen auch nach den beiden Kriegen mit Menschen, die in irgend einer Weise sein Schicksal beeinflussten, wächst für mich als Leser nach und nach ein grosses Bild einer Zeit, die man gerne vergessen und verdrängen möchte, einer Zeit des Krieges, der Gewalt, des Hasses, die aber in der Gegenwart unvermindert seine Fortsetzung findet. Für Menschen wie mich weit weg. Aber eigentlich doch ganz nah, denn die Auswirkungen der Angst und des Schreckens verunsichern fast alle, wenn auch in ganz unterschiedlicher Form.
Aufarbeitung ist ein nie endender Prozess. Letztlich schon deshalb, weil der Mensch vergisst und verdrängt und sich eine wirkliche Auseinandersetzung mit Geschichte erst dann aufdrängt, wenn man bereit ist, Fragen zu stellen oder sie zumindest zuzulassen. Marko Dinić setzt sich der Geschichte und dem Leiden seiner Protagonisten ganz direkt aus. Es sind keine Helden. Dinić erzählt auch ungeschönt von Opportunismus. Dinić geht in seiner Erzählweise ganz nah an sein Personal, was auch im Titel seines Romans programmatisch wird. Genau diese Nähe zum Geschehen, die ausufernden Beschreibungen, die manchmal an die Grenzen des Erträglichen gehen, machen diesen ungemein bildhaften Roman aus. Man liest, als wäre man in einem Spiegelraum. Da ist kein deutlicher Weg sichtbar, aber umso mehr verzerrte Fratzen, die mich fassungslos machen. Fassungslos durch ihr Elend, was Dinić ihnen zumutet, was unausweichlich wird. Das „Buch der Gesichter“ ist ein monumentaler Abriss menschlicher Abgründe, gleichermassen faszinierend in seiner Machart wie verstörend in der beschriebenen Realität.
„Buch der Gesichter“ ist ein vielschichtiges Buch. Zeiten und Realitäten mischen und überlagern sich. Ein Kaleidoskop, ein dunkler Kristall. Vielleicht einzigartig im Genre der Bewältigungsliteratur.
Marko Dinić wurde 1988 in Wien geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad. Er studierte in Salzburg Germanistik und jüdische Kulturgeschichte. Bei Zsolnay sind auch sein erster Roman «Die guten Tage» (2019) erschienen.
Beitragsbild © Apollonia Theresa Bitzan
