Die Teilnehmer/innen des von Gallus Frei geleiteten Lesezirkels im Literaturhaus St. Gallen haben in den letzten Wochen «Die Ränder der Welt» gelesen und seziert. Nun lädt der Kreis den Autor zum Gespräch ein. Die Angst vor Leser/innen, die sein Buch genauer gelesen haben, als er es je könnte, verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Er weiss, zuweilen produziert er ungewollt Bedeutungen, die er lieber nicht aus seinem Text herausgelesen haben will. Aber auch Bedeutungen, die ihn schlauer erscheinen lassen, als er ist. Wird eine solche an ihn herangetragen, muss er der Lüge widerstehen: «Aber sicher habe ich das intendiert, meine Lieben, das hatte ich von Anfang an im Blick.» Nein, hatte er nicht. Jedes Buch produziert mehr blinde Flecken, als ihm lieb sein kann.
Die St. Galler Leser/innen erweisen sich als gnädig. Ihrer Ehrlichkeit ist stets das richtige Mass an Takt beigemischt, ihrer Hartnäckigkeit genügend Toleranz. Das Gespräch bringt für den Autor viel Erhellendes zutage. Und, wie so oft nach solchen Gesprächen: Die Lust, das Buch gleich nochmals von vorne anzufangen, denn nach dem Buch ist vor dem Buch. Schlauer wird man dabei trotzdem nicht, das weiss der Autor längst. Egal, wenigstens eine gute Zeit gehabt. Dank an den St. Galler Lesezirkel, Dank für die Hartnäckigkeit und die Ehrlichkeit! Und den Wein!
